KURIER: Wie reagierten Sie auf das Angebot von Staatsoperndirektor Bogdan Roščić und Volksoperndirektorin Lotte de Beer?
Alessandra Ferri: Das war eine echte Überraschung, da ich keine Geschichte mit dem Wiener Staatsballett habe. Ich habe nachgedacht, ob es für mich passt, und sehe es als Vorteil, völlig unbefangen an diese Aufgabe herantreten zu können.
Rückblickend mutet es seltsam an, dass Sie als eine der weltweit besten Tänzerinnen nur ein einziges Mal in Wien gastierten – 1991 in einer Gala in Jerome Robbins’ „Other Dances“. Damals war Elena Tschernischova Ballettdirektorin in Wien.
Ich habe in letzter Zeit oft an Elena gedacht. Sie war meine Lehrerin in New York, nachdem mich Mikhail Baryshnikov zum American Ballet Theatre gebracht hatte. Sie war eine großartige Ballettmeisterin, und ich sehe es als eine meiner wichtigsten Aufgaben an, ihre Art des Coachings weiterzugeben. 1986 habe ich mit ihrer Unterstützung als Giselle debütiert, und ich werde mit ihrer Wiener Fassung des Balletts „Giselle“ die Spielzeit des Wiener Staatsballetts am 18. September eröffnen. Als Gast wird für die neue Einstudierung von „Giselle“ mein künstlerischer Lieblingspartner Julio Bocca als Ballettmeister in Wien gastieren, auch er hat viel von Elena gelernt (Bocca tanzte gleichzeitig mit Ferri am American Ballet Theatre und leitet seit Februar 2025 das Ballett am Teatro Colón in Buenos Aires, Anm.).
Sie sind in der internationalen Ballettszene bestens vernetzt. Werden sich Ihre Erfahrungen als Tänzerin in Ihren Planungen für das Staatsballett widerspiegeln?
Meine Karriere war gesegnet. Ich konnte mit vielen bedeutenden Choreografen arbeiten, und ich möchte Werke von ihnen in Wien zeigen, darunter Kenneth MacMillan, Wayne McGregor, John Neumeier, Roland Petit, Jerome Robbins, Twyla Tharp und Antony Tudor. Das Wiener Staatsballett ist für mich in erster Linie eine klassische Compagnie, das soll so bleiben! Ich glaube nicht, dass alles Neue gut sein muss – es ist immer die Qualität, die am Ende zählt. Ich möchte in Zukunft auch die traditionellen Klassiker wieder zeigen: Nurejews „Schwanensee“, „Der Nussknacker“ und „Don Quixote“ sowie Peter Wrights „Dornröschen“.
Werden Sie auch als Tänzerin zu sehen sein und selbst choreografieren?
Ich habe bewusst zu tanzen aufgehört, denn das würde 100-prozentigen Einsatz dafür bedeuten. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich es richtig finde, den Weg als Leiterin einer Ballettcompagnie einzuschlagen. Ich habe viele Jahre in Mailand, London und New York gelebt. Meine eigentliche Heimat ist aber das Theater, ist der Tanz, und ich finde es sehr schön, dass dies so bleibt! Zum Choreografieren habe ich kein Talent, darin bin ich nicht gut genug.
Welche Änderungen wird es beim Staatsballett geben?
Ich werde manche Choreografien einstudieren, aber in der nächsten Saison wird es noch keine neuen Kreationen geben. Zur Umsetzung meiner künstlerischen Visionen habe ich viele neue Tänzerinnen und Tänzer auf allen Positionen engagiert. Eine Herausforderung wird sicherlich die räumliche Situation im Haus: Zwei Ballettsäle sind für die tägliche Arbeit eigentlich nicht ausreichend! Aber es ist mir bewusst, dass man das historische Gebäude der Wiener Staatsoper nicht einfach erweitern kann. Ich möchte für Wien neue Stücke vorstellen, darunter auch abstrakte, und ich freue mich, wenn ich der Jugendcompagnie gelegentlich Training geben kann.
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