Kultur
04.08.2018

Adolf Muschg: Das Schöne ist der Anfang vom Schrecklichen

Der Schweizer begibt sich ins Zentrum der Gefahr: Reise nach Fukushima. Adalbert Stifter reist mit.

Auf dem Tisch liegt neben den rohen Fischhäppchen ein Geigerzähler. Das Restaurant ist etwa 30 Kilometer von Fukushima, vom „Ground Zero“, entfernt.
Der Thunfisch ist in Ordnung – sofern man sich an die 2,3 Millisievert Strahlendosis, die als „in Ordnung“ gilt, halten will.
Der Hummer hat  2,8.
Auf der Autofahrt durch schönste japanische Adalbert Stifter-Landschaft kommen immer mehr Plastiksäcke ins Bild. Verseuchte Erde wird abgegraben. Aus Pfirsichplantagen wurden schwarze Sackplantagen.

Vergiftet

Auch das ist gemeint, wenn Adolf Muschg – im Mai wurde der Schweizer 84   – schreibt, das Schöne sei nur der Anfang des Schrecklichen.
Er wollte  seinen neuen Roman ursprünglich  „Stifter in Fukushima“ nennen.
Aber – damit hielt er sich zurück – denn wer kennt noch Adalbert Stifter? Wer will an dessen Naturbeschreibungen, an dramatischen Ursache-und-Wirkung-Erzählungen, wer will   an Stifters  Langsamkeit teilhaben?
Deshalb  „Heimkehr nach Fukushima“: Ein  Architekt wird ins Dorf Yoneuchi eingeladen, um sich Gedanken zu machen, wie man die vertriebenen Bewohner sowie Künstler  (zurück)holen kann, trotz Strahlung.
Er schaut sich an, wie der Mensch in die Intimsphäre der Natur eingedrungen ist. Er lernt (= man lernt) die japanische Philosophie kennen: Wir sind sowieso alle vergiftet inkl. unsere Seele, es gibt keinen sicheren Ort auf der Welt – bei Fukushima sieht man die Gefahr wenigstens am Geigerzähler und kann ihr ins Auge blicken ...

Ausgewaschen

Manchmal ist Muschg, Büchner-Preisträger von 1998 ,  unklar, schwer zu verstehen, nur für Leser mit viel Zeit. Diesmal nicht.
 Freundlicherweise hat der Atomkraft-Kritiker  eine Liebesgeschichte zwischen dem 62-Jährigen Architekten und einer 37-jährigen Japanerin eingebaut, auch Werke von Stifter (wie „Abdias“) erzählt er zwischendurch nach, und langsam wird alles  zur japanischen Stifter-Geschichte.
Und es gibt Sex beim Muschg. („Er wollte den Mund öffnen, da fuhr ihre Zunge hinein und begann ihn auszuwaschen ... Sie waren Ein Fleisch.“)
Adalbert Stifter hat uns Ähnliches erspart.

 


Adolf Muschg:
„Heimkehr nach
Fukushima
Verlag C.H.Beck.
244 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****