Zwischen den Fronten der Geheimdienste: Philip Seymour Hoffman als Agent Günther Bachmann und Nina Hoss als seine Mitarbeiterin Erna

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Neu im Kino
09/11/2014

"A Most Wanted Man": Alles nur Marionetten

Philip Seymour Hoffman brilliert als Agent in Anton Corbijns Thriller + alle Filmstarts der Woche

Er raucht wie ein Schlot.

Er trinkt Schnaps, wann immer ihm danach ist (und es ist ihm oft danach).

Er schläft kaum, denn seine Dämonen lassen ihn auch nachts nicht in Ruhe.

Philip Seymour Hoffmann ist Günther Bachmann. Er spielt nicht die Rolle des rastlosen, getriebenen Agenten, der in Hamburg eine verdeckte Aktion gegen einen mutmaßlichen Terroristen leitet: Er lebt sie. Brillant im Kopf und pointiert in seiner Rhetorik verliert sich Bachmann/Hoffman immer mehr in seiner Einsamkeit und Verzweiflung und betäubt sich mit Suchtmitteln aller Art. Ein sensibler Berserker, der trotz seiner Brillanz zum Scheitern verurteilt ist.

Philip Seymour Hoffmann ist in seiner letzten Rolle – er starb im Februar an einer Überdosis Drogen – der große, tragische Held. Er gibt den Leiter einer halboffiziellen Spionage-Einheit, die innerhalb der deutschen Nachrichtendienste ihre eigenen Ermittlungen führt. Als in Hamburg Issa Karpov, ein zerlumpter und von Folter gezeichneter tschetschenischer Flüchtling auftaucht und Kontakt zur moslemischen Gemeinde aufnimmt, schrillen sowohl beim deutschen als auch beim US-Geheimdienst die Alarmglocken: Was will Karpov? In welcher Mission ist er in den Westen gekommen? Vordringlich scheint Karpov auf der Suche nach dem bei einer Hamburger Bank geparkten Vermögen seines Vaters zu sein. Die enorme Summe und die Ungewissheit, ob das Geld nicht für terroristische Zwecke verwendet wird, machen Karpov binnen weniger Tage zum Gejagten.

Doch die Jäger sind auch nur Marionetten höherer Regierungsmächte: Plötzlich mischt auch die CIA – vertreten durch ihre Agentin Martha Sullivan (Robin Wright) mit, der deutsche Geheimdienst sowieso. Bachmann steckt mit seinem kleinen Team schnell zwischen den Fronten. Alle kommen sich in die Quere, geleitet von unterschiedlichsten Interessen. Am Ende ist die Welt nicht sicherer, aber es sind wieder etliche Menschen auf der Strecke geblieben.

Der niederländische Fotograf und Regie-Quereinsteiger Anton Corbijn schafft es mit dieser klischeelosen Version des Agententhrillers, die allgemeine Verunsicherung über Terrorbedrohung und allmächtige Überwachungsapparate deutlich zu machen. Anders als bei der Buchvorlage John Le Carrés ("Marionetten") ist Corbijns Version kühl und distanziert und legt den Fokus auf die Intrigen der Geheimdienste untereinander. Agenten-Action à la James Bond kommt hier nicht vor.

Am Ende steigt Philip Seymour Hoffman mit versteinertem Gesicht in sein Auto und fährt davon. Ein verbitterter, geschlagener Mann. "Komm zurück!" will man ihm zurufen. Aber da ist er schon weg.

KURIER-Wertung:

INFO: A Most Wanted Man. USA 2014. 121 Min. Von Anton Corbijn. Mit Philip Seymour Hoffman, Willem Dafoe, Nina Hoss, Daniel Brühl.

Wenn das Sexvideo in die Cloud rutscht

Wer der sogenannten Cloud, dieser virtuellen Wolke, in der alle unsere Mails, Videos, Fotos etc. kunstvoll eintauchen, immer schon skeptisch gegenübergestanden ist, hat recht:

Ist doch die digitale Wolke ein unberechenbares Biest, dem man nicht trauen kann. Da verschwindet doch glatt das schnuckelige Sexvideo, das sich Annie und Jay zur Dokumentation ihrer immer seltener werdenden Leibesübungen gönnen, im Cloud-Nirwana. Und jeder kann es sehen: die Mama, der Chef, die besten Freunde. Zurückholen? Löschen? – Geht nicht. Schließlich ist die Freiheit über den Wolken grenzenlos.

Nicht sehr viel Stoff zum Nachdenken, aber eine Menge nackter Haut und ein paar komische Momente beschert uns diese banale US-Komödie. Cameron Diaz ist als flottes Sex-Babe im Tanga und mit Rollschuhen nett anzusehen. Jason Segel mit seinem Hang zum Waschbärbauch weniger, aber dafür schaut er so treuherzig. Starkino ohne Tiefgang und mit jugendfreien Sexszenen: Was kann da schon schiefgehen?

KURIER-Wertung:

INFO: Sex Tape. USA 2014. 90 Min. Von Jake Kasdan. Mit Cameron Diaz, Jason Segel, Rob Lowe, Jack Black.

Neurosen züchten in der Albtraumfabrik

Der Kinderstar – der frappant an Pop-Rotzbub Justin Bieber erinnert – ist mit 13 Jahren schon Stammgast in Drogenentzugskliniken. Die Tochter des Starpsychiaters kommt direkt von der Klapsmühle zurück nach L.A. und wird – gleich und gleich gesellt sich gern – persönliche Assistentin der durchgeknallten Filmdiva Havana Segrand (Julianne Moore - hier geht's zum Interview mit der Schauspielerin). Dann ist da noch ein leicht verhuschter Chauffeur namens Robert Pattinson, der sich eigentlich als verkanntes Autorenngenie sieht. Zusammen ergeben sie die Essenz Hollywoods: Exzentriker und Neurosenzüchter, wohin man blickt. Eine Scheinwelt, in der sich jeder selbst der Nächste ist.

David Cronenbergs Panoptikum der Traumfabrik Hollywood, die viel eher einem Albtraum gleicht, ist wunderbar bissig und düster. In jeder Szene ist die Freude spürbar, mit der der Kanadier die glänzenden Fassaden der Stars- und Sternchenstadt Los Angeles demontiert. Julianne Moore als hysterisch-berechnende Ziege, die für eine gute Filmrolle über Leichen geht, ist schlicht großartig. Mia Wasikowska gefällt sich sichtlich in der Rolle der Irren und Robert Pattinson ist glatt und fad wie immer, aber dennoch ein Hingucker. Eine geglückte Abrechnung mit Hollywood.

KURIER-Wertung:

INFO: Maps to the Stars. USA 2014. 111 Min. Von David Cronenberg. Mit Julianne Moore, Ed Norton.

Die Nanny war eine Fotokünstlerin von Weltformat

Keiner durfte in ihr Zimmer. Keiner durfte einen Blick auf ihren Schatz – ihre Tausenden Bilder – werfen. Die hütete Vivian Maier wie ihren Augapfel. Fotografien von Straßenszenen ihrer Heimatstadt Chicago, Fotos der Kinder, auf die sie aufpasste, Fotos aus der Natur. Bilder mit hohem künstlerischem Wert, die Vivian Maier posthum in die erste Garde der Street Photographer brachten .

Der junge Amerikaner John Maloof ersteigerte 2007 in einem Chicagoer Auktionshaus etliche Kisten voller Negative, die sich als wahrer Schatz erwiesen. In seiner fast zärtlichen Doku präsentiert Maloof Vivian Maier als eigenbrötlerische Frau, die vereinsamt und verkannt starb. Interviews mit den von Maier betreuten Kindern runden das Bild einer Außenseiterin, die genial, aber nicht liebenswert war, ab.

KURIER-Wertung:

INFO: Finding Vivian Maier. USA 2014. 83 Min. Von John Maloof und Charlie Siskel.

Runderneuert und vom Computer animiert summt die seit Jahrzehnten fernseherprobte Biene Maja samt ihrem Clan jetzt auch durchs Kino. Dem faulen Willi leiht der Hamburger Nuschelsänger Jan Delay seine Stimme, die Hagen-Damen (Eva-Maria, Cosma Shiva und Nina) sprechen die Bienchen beziehungsweise die böse Hornisse. Kinospaß für Junge und Junggebliebene.

KURIER-Wertung:

Ein Kriegsdrama als stilles Kammerspiel in den Bergen – so hat der Österreicher Marko Nabersnik seine Geschichte von den einzigen zwei Überlebenden eines Granatenangriffs im Ersten Weltkrieg inszeniert. Der eine Mann, Hauptmann Kopetzky, ist schwer verletzt, hat beide Beine verloren. Der andere, Gebirgsjäger Lindner, versorgt ihn, so gut es geht. Ein unter die Haut gehender Beitrag zum Weltkriegs-Gedenkjahr.

KURIER-Wertung:

Ein kleines Mädchen wird brutal missbraucht und ermordet. Der stinkreiche Großvater schwört Rache und setzt ein Kopfgeld von einer Milliarde Yen auf den Täter, einen 20-jährigen Psychopathen, aus. Die Polizeieinheit, die den Mörder quer durch Japan zum Haftrichter nach Tokio transportieren muss, wird rasch zum Ziel fanatischer Kopfgeldjäger. Überall sind den Cops und dem Kriminellen die bezahlten Söldner des Milliardärs Ninagawa auf den Fersen. Blutdurchtränkte und am Ende unnötig pathetische Bomben- und Pistolenaction des japanischen Regie-Berserkers Takashi Miike.

KURIER-Wertung:

Eine junge Archäologin sucht mit einer Gruppe Kollegen in den Katakomben von Paris nach dem Stein der Weisen und findet stattdessen das Grauen. Mysteriöse Sekten halten in den Tiefen der Unterwelt ihre Treffen ab, überall liegen Knochen und Totenschädel und plötzlich gibt es kein Zurück mehr für die Gruppe. Angeblich sollen die Darsteller des Wackelkamera-Films bei den Dreharbeiten klaustrophobische Zustände aller Art bekommen haben. Einfach der blanke Horror.

KURIER-Wertung:

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