Kultur
23.07.2018

3-D-Show von Kraftwerk: Reizvoll plastisch, schaurig relevant

Die Elektronik-Pioniere zeigten im Römersteinbruch ihre als Gesamtkunstwerk faszinierende Show.

Ziffern, die direkt auf einen zu fliegen und kurz vor dem Gesicht wie Seifenblasen zerplatzen. Oder ein Computer aus der IT-Steinzeit, der in den Zuschauerraum des Römersteinbruchs in St. Margarethen hinein schwebt – so dicht über dem Kopf, dass man sich ducken will.

Das konnten Sonntagabend die Besucher des Kraftwerk-Konzertes in der burgenländischen Gemeinde erleben. Mit ihrem ausschließlich elektronisch gestalteten Sound schafften die Düsseldorfer 1974 den internationalen Durchbruch und gelten heute als Pioniere der elektronischen Musik.

Bedrohlich

50 Jahre nach der Gründung ist die Band rund um das einzig verbliebene Gründungsmitglied Ralf Hütter mit einer 3-D-Show unterwegs: Jeder Zuschauer bekommt am Eingang eine 3-D-Brille, kann damit zum Beispiel einen Stab, der sich ohne Brille betrachtet auf dem Bildschirm hinter den Musikern nach vorne dreht, als sich bedrohlich in die Menge schiebend wahrnehmen.

Als Gesamtkunstwerk ist das zunächst faszinierend. Doch wer kurz mal die 3-D-Brille abnimmt, die Show als reines Konzert genießt und der Musik lauscht, merkt auch: Dieser Sound hat etwas Distanziertes an sich.

Hütter und seine drei Mitspieler stehen statisch und mit Overalls uniformiert hinter einbeinigen Pulten, die ihre Schaltknöpfe und Keyboards verstecken. Dass die Vier damit zehn Mal soviel wie ein David Guetta tatsächlich live machen, fast jeden Ton händisch ansteuern, modulieren und die bekannten Keyboardriffs von „Das Model“ oder „Mensch Maschine“ an ihren Keyboards spielen, ist deutlich zu sehen. Bei dem ausgedehnten „Tour De France“ hat man sogar fast den Eindruck, Kraftwerk würden improvisieren und mit ihren Maschinen jammen.

Berührend

Trotzdem kommt zur Faszination mit der 3-D-Show erst nach der ersten Hälfte bei „Radioaktivität“ Berührung dazu – und somit Begeisterung auf. Wie so viele der Botschaften von Kraftwerk, ist auch diese von 1975 heute noch schaurig relevant. Und die Melodien von den Hits, die jetzt kommen, von „ Transeuropa Express“ oder „Autobahn“, wirken genauso wohlig vertraut wie nostalgisch.

Leider bremst am Schluss ein Regenguss die aufkommende Stimmung wieder. Trotzdem gehen nur wenige. Denn auch wenn Kraftwerk im mit 4500 Leuten fast vollen Open-Air-Gelände des Steinbruchs als reines Musik-Event vielleicht nicht funktioniert hätten, als Gesamtkunstwerk war die 3-D-Show erlebenswert.