Kultur
28.03.2017

175 Jahre Wiener Philharmoniker: Gastkommentar Merlin

Was macht die Wiener Philharmoniker so einzigartig? Was sind die positiven und negativen Auswirkungen ihrer Sonderstellung? Der französische Autor Christian Merlin gibt Antworten.

Seit ihrer Gründung sind die Wiener Philharmoniker ein Phänomen der Paradoxe. Als wäre Schizophrenie von Anfang an ein Hauptmerkmal dieser einzigartigen Gemeinschaft gewesen. Schon von seinem Status her weist dieses Orchester zwei Gesichter auf, sowohl juristisch als auch wirtschaftlich.

Einerseits sind seine Musiker als Mitglieder des Staatsopernorchesters Angestellte des österreichischen Staates mit monatlichem Gehalt und der Verpflichtung, ihren Dienst im Orchestergraben zu versehen. Andererseits bilden die Mitglieder als "Nebenjob" einen privaten Verein, welcher unter dem Namen Wiener Philharmoniker Konzerte veranstaltet, deren Einnahmen die Musiker untereinander aufteilen. Also einerseits Lohnarbeit, andererseits Selbstständigkeit. Wir haben es hier schon mit zwei entgegengesetzten Einstellungen zur Arbeit zu tun, die im Laufe der ganzen Orchestergeschichte ständig zwischen mehr oder weniger latentem Konflikt und gegenseitiger Bereicherung schwankte.Flexibilität.Übrigens hat dieses Doppelmodell nicht nur gesellschaftliche, sondern musikalische Auswirkungen auf dieses einzigartige Orchester: Denn im Orchestergraben eine Oper zu spielen und auf der Bühne ein Symphoniekonzert zu geben, sind zwei grundverschiedene Aktivitäten. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die einmalige Flexibilität und Reaktivität dieses Orchesters, sowie sein Hang zum Sängerischen, auch wenn es eine Symphonie spielt, direkt auf seine Tätigkeit als Opernorchester zurückzuführen ist.

Genauso wäre seine Neigung, sich in der Oper nicht mit einer Begleitrolle zu begnügen, sondern zum Protagonisten zu werden, ohne seine Konzerterfahrung nicht denkbar. Auf eine dieser beiden Stützen zu verzichten, würde wahrscheinlich das Ende der Wiener Philharmoniker bedeuten.Ein anderes Paradox ist, dass die von Anfang an beanspruchte Unabhängigkeit zwar glänzend positive, doch auch erschreckend negative Folgen hatte. Ohne sie wären die Philharmoniker wohl nie zum unvergleichlichen Eliteorchester geworden, das sie nach wie vor, vielleicht sogar mehr denn je sind. Aber diese Medaille hatte (hat?) auch ihre Kehrseiten. Die Notwendigkeit, finanziell autonom zu sein, hat dem ökonomischen Moment oft eine überwiegende Rolle im Orchesterleben beigemessen, sodass man manchmal den Eindruck hatte, es mehr mit Geschäftsleuten als mit Künstlern zu tun zu haben. Die Überzeugung, dass man im Grunde genommen keinen Dirigenten braucht, und dass zuviel zu proben Zeitverschwendung ist ("wir haben’s drauf!"), führte dazu, dass die Musiker auf die Uraufführung von Wagners "Tristan und Isolde" verzichteten, oder mit so wichtigen Künstlern wie Gustav Mahler oder Clemens Krauss aneinandergerieten, weil diese zu akribisch und detailverliebt arbeiteten.

Tücken.Selbst die Demokratie zeigte ihre Tücken, etwa als die Philharmoniker lieber Werke von Hermann Götz und Ignaz Brüll uraufführten als von Anton Bruckner. Letztendlich führte auch dieser Drang nach Autonomie dazu, dass sich der Verein widerstandslos den nationalsozialistischen Grundsätzen beugte, um seine künstlerische Unabhängigkeit zu retten. Dass das Schicksal der fünf im KZ ermordeten, der zwei in Wien verstorbenen und der neun ins Exil geflohenen Kollegen allzu lange bei den Philharmonikern selbst auf solche Gleichgültigkeit stieß, bleibt ein Dorn im Auge. Paradox ist nicht zuletzt das Verhältnis zur Identität. Einerseits haben sich die Philharmoniker von Anfang an auf die Tradition des sogenannten Wiener Stils berufen, als wäre es ein einheitlicher Begriff. Doch sobald man sich mit dem Begriff "Wiener" auseinandersetzt, fällt auf, wie brüchig dieser ist. Diese vermeintlich aus demselben Dunstkreis stammende Musikergemeinschaft erwies sich in ihrer Geschichte oft genug als ein multi-ethnischer Melting Pot, wo die jüdische, die slawische, die ungarische Komponente, jene vom Balkan, jene aus dem Süden letzten Endes stärker waren als die Germanische im engen Sinne.

Die spektakuläre Öffnung, die die Neuengagements von Orchestermitgliedern in den letzten Jahren kennzeichnete, sollte uns in einer Zeit des wachsenden Protektionismus daran erinnern, dass Diversität und Identität einander nicht ausschließen. Eine schöne Herausforderung.

Der Autor

Christian Merlin ist Germanist, Musikwissenschaftler, Buchautor und Kritiker von "Figaro" und "Diapason".