Akt vom Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy um 1935.

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Abgegriffen
02/05/2015

"1000 Nudes": Schmuddelbilder mit natürlicher Patina

Bevor die Erotikbranche online ging, waren Bilder von nackten Frauen begehrte Tausch- und Sammlerobjekte. Das war auch in den Anfängen der Fotografie schon so. Der neue Bildband "1000 Nudes" gibt einen ausführlich Einblick in diese verstohlene Welt - und fördert teils erstaunlich explizite Bilder zutage.

Unter den wenigen Konstanten in der Kunstgeschichte sind sie eine der verlässlichsten: Seit jeher haben die (meist männlichen) Künstler nackte Frauen zum Objekt ihres Schaffens gemacht. Aber für was für eine Aufregung muss das gesorgt haben, als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Fotografien mit nackten Frauen in Umlauf kamen? Schließlich waren die Bilder nicht mehr Ergebnis der Fantasie, sondern absolut fälschungssicherer Beweis, dass sich das Abgebildete tatsächlich auch so zugetragen hatte.

Unbewegte Geschichte

Wann genau ein (vermutlich) weibliches Modell zum ersten Mal vor einer Kamera posierte, ist nicht bekannt. Bei Belichtungszeiten zwischen 3 und 30 Minuten "je nach Jahreszeit", wie Louis Jacques Mandé Daguerre eingestehen musste, dürften die ersten Aktbilder wohl ein sehr schwieriges Unterfangen gewesen sein. Der französische Maler hatte 1835 das erste, nach ihm benannte, voll praxistauglichen System der Fotografie, die Daguerreotypie, vorgestellt.

Hans-Michael Koetzle hat für den Bildband "1000 Nudes" die Geschichte der erotischen Fotografie von ihren Anfängen bis ins Jahr 1939 nachgezeichnet. Der nun in einer aktualisierten Auflage erschienene Bildband gibt in – der Titel täuscht nicht – 1000 Aufnahmen einen umfassenden Einblick in die Geschichte der erotischen Fotografie. Die ersten Aktbilder sollen demnach – je nach Quelle – zwischen 1839 und 1849 entstanden sein.

Eindrücke aus "1000 Nudes"

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Vom Unikat zur Massenware

Anfangs seien die erotischen Aufnahmen dabei echte Liebhaberware gewesen - und das lag vor allem am Preis. Die Daguerreotypie ist ein direkt-positiv Verfahren, was bedeutet, dass jede Aufnahme direkt auf die Platte gepresst wird und so auch nur einmal produziert werden kann. Jedes Bild wird so zum Unikat. Entsprechend teuer waren die ersten Bilder. "Ein mittlerer Wochenlohn musste schon einkalkuliert werden", erklärt Hans-Michael Koetzle. Folglich seien zunächst einem gehobenen bürgerlichen Publikum vorbehalten geblieben.

Der Erfolg war dennoch enorm. Etwa 5000 Daguerreotypien erotischen Gehalts dürften bis 1860 insbesondere in Paris entstanden sein. Die Aktfotografen der ersten Generation waren Maler, die Fotografie als neues Darstellungsmedium entdeckt hatten. Jene der zweiten Generation wollten damit vor allem eines: Geld verdienen.

Postkarten als Sammlerobjekte

Allen voran ist hier der Franzose Adolphe-Eugène Disdéri zu nennen. Er war 1953 der erste, der die Bilder im handlichen Postkarten-Format anbot. Mit seinem sogenannten Carte-de-Visite-Format (5,7 x 9 cm) revolutionierte er das Porträt. Die kleinen, preiswerten Bilder wurden schnell zu beliebten Sammlerobjekten. Allein in Frankreich sollen in der Zeit zwischen 1919 und 1939 sollen jährlich über 20 Millionen Aktpostkarten produziert worden sein. Möglich machte dies das neue Kollodium-Negativ-Verfahren, das eine massenhafte Vervielfältigung von einem Negativ auf mehrere Positive ermöglichte.

Mit der Kommerzialisierung ging auch eine Veränderung der Darstellung einher. Vom handwerklich elaborierten Künstlerakt wandelte sich das Bild zum explizit pornografischen Postkartenmotiv. Von verträumt blickenden Frauen in den Anfangsjahren hin zu lesbischen Liebesszenen und expliziten Penetrationsszenen.

Wie rasant die Entwicklung von der kunstsinnigen Darstellung zur Pornografie (zumindest nach damaligen Maßstäben) vonstatten ging, zeigt auch ein Blick in das Archiv der Londoner Polizei. Sind in den 1850er-Jahre gerade einmal 60 wegen "unzüchtiger Motive" beschlagnahmte Bilder verzeichnet, waren es nur zehn Jahre später bereits mehrere Tausend. Und um 1875 sollen der Londoner Polizei mehr als 130.000 Aufnahmen mit "unzüchtigen Motiven" in die Hände gefallen sein.

Die Autoren
Hans-Michael Koetzle lebt als freier Autor und Journalist in München. Von ihm erschienen zahlreiche Titel zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen Die Zeitschrift twen (1995), Photo Icons (2001), Das Lexikon der Fotografen (2002), und René Burri: Fotografien (2004).

Uwe Scheid (1944-2000) sammelte kunstvolle und erotische Aktfotografien vornehmlich aus der Frühzeit der Fotografie und den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Scheid gehörte der Deutsche Gesellschaft für Fotografie an, der European Society for the History of Photography, dem Club Daguerre sowie der Daguerreian Society. Alle Bilder aus "1000 Nudes" stammen aus der Sammlung Uwe Scheid, einer der weltweit größten und wichtigsten Sammlungen erotischer Fotografie.

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