Forschung als Business: Wie Spin-offs den Standort stärken
Eine Idee, exzellente Forschung, ein wenig Mut und Startkapital sind die Rezeptur zur Gründung eines Spin-offs. Spin-offs oder auch Spin-outs sind Unternehmen, die aus einer Universität oder Forschungseinrichtung hervorgegangen sind, indem universitätseigenes geistiges Eigentum (z. B. Patente oder lizenzierte Technologien) kommerzialisiert wird. „Ihr zentraler Vorteil liegt im Zugang zu exzellentem geistigem Eigentum, technologischem Know-how und oft jahrelanger Vorarbeit. Im Vergleich dazu starten klassische Start-ups häufig marktnäher, aber mit geringerer technologischer Tiefe. Spin-offs haben meist höhere Eintrittsbarrieren, dafür aber auch stärkere technologische Schutzmechanismen und ein größeres Disruptionspotenzial“, erklärt Jasmin Güngör, Geschäftsführerin von Onsight Ventures, ein Tiroler Spin-off, das sich auf Frühphaseninvestitionen in transformative Technologien spezialisiert.
Stärkung des Standortes
Genau dieses Know-how und die Innovationskraft stärken den Wirtschaftsstandort Österreich. „Erfolgreiche Spin-offs der ÖAW wie ParityQC im Bereich der Quantenphysik oder Proxygen in der Molekularbiologie zeigen, wie sich akademische Ausgründungen positiv auf den Standort auswirken. Sie schaffen hochwertige Arbeitsplätze, entwickeln marktfähige Produkte und ziehen internationale Investoren an“, sagt Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Laut der Startup Landscape Austria gibt es aktuell 303 Spin-offs in Österreich. Experten sind sich einig: Das könnten mehr sein. Faßmann: „Universitäten und Forschungseinrichtungen müssen den Forschenden die richtigen Rahmenbedingungen und Unterstützungsmaßnahmen bieten. Die Forschenden selbst müssen den Mut zum Risiko aufbringen, neue Wege zu beschreiten. Vonseiten der Politik müssen Anreize gesetzt und bürokratische Hürden nach Möglichkeit abgebaut werden. Außerdem braucht es Instrumente der Erstfinanzierung und der nachfolgenden Investition. Ich bin optimistisch: Die Vorteile von Ausgründungen werden auch in akademischen Institutionen immer stärker gesehen. Wir sind in einem Kulturwandel begriffen, den wir auch dringend benötigen.“
Mit Nierenzellen hat alles begonnen. Regina Grillari war einst am Department für Biotechnologie an der BOKU angestellt und hat sich mit humanen Zellen beschäftigt. Bereits vor 25 Jahren lag der Fokus auf Ausgründungen. „Der ehemalige Leiter Hermann Katinger hatte ein großes Interesse, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in die Anwendung kommen“, sagt Grillari. Der Biotechnologin samt ihrem Team gelang schließlich ein großer Durchbruch. Sie entwickelten Nierenzellen, die in vitro (außerhalb des Körpers) nicht wie bisher ganz kurz überleben, sondern den Alterungsprozess umgehen und dadurch länger halten. „Wir haben die Zellen unsterblich gemacht, ohne, und das war das Neue daran, dass sie ihre Eigenschaften verlieren“, sagt Grillari.
Meilensteine
Mit ihrem Mann gründete sie 2011 das Unternehmen Evercyte. Den Motivationsschub dazu lieferte das dritte Gründungsmitglied, Otto Kanzler, der auch die wirtschaftliche Expertise beisteuert. „Auch die Förderlandschaft in Österreich waren Meilensteine für unsere Ausgründung“, so Grillari. Heute vergibt Evercyte Lizenzen zur Nutzung unterschiedlicher Zellen (Hautzellen, Zellen vom Auge etc.) für die Forschung, Pharmaindustrie und Privatunternehmen.
Im Stickstofftank sind die Zellen bei –196 Grad gelagert.
Es war die Dissertation von Johannes Homa, die den Anstoß zum Spin-off Lithoz gab. In seiner Arbeit an der TU Wien entwickelte er mit seinem Kollegen Johannes Benedikt einen 3D-Drucker für keramische Materialien. „Ein Industriepartner aus Lichtenstein war von den ersten Ergebnissen so begeistert, dass er finanziell in die Entwicklung miteingestiegen ist“, sagt Homa. Zusammen mit der TU Wien nahmen die 3D-Drucker und die Materialentwicklung immer mehr Gestalt an. „Die ersten Versuche waren 2006, gegründet haben wir 2011 – quasi in einem Lagerraum und gingen mit dem ersten industrienahen Prototypen auf den Markt“, so Homa.
Gute Verträge
Heute stellt Lithoz 3D-Drucker und die passenden Materialien unter anderem für Implantate, Operationsinstrumente, Zahnspangen, aber auch für Gusskerne von Flugzeugturbinen oder Satellitenbauteile her. Bei der Ausgründung haben gleich mehrere Aspekte geholfen: „Die TU Wien hat damals schon gute Verträge gemacht, sodass wir vorteilhaft mit einer rechtlichen Grundlage gründen konnten“, sagt Homa. Diverse Förderungen trugen zur finanziellen Unterstützung bei, während der universitäre Gründerservice INiTS bei allen Fragen zur Seite stand. „Außerdem haben Naivität und Mut geholfen, uns in das Projekt zu stürzen“, sagt Homa. Und das hat sich bezahlt gemacht. „Allein, was wir alles gelernt haben, war die Reise wert.“
Das Unternehmen Lithoz hat 3D-Drucker mittlerweile auf allen Kontinenten (außer der Antarktis) installiert.
Implantate aus gedruckter Keramik (in Blau).
Kommentare