Lehrlinge als relevanter Standortfaktor im Wettbewerb
Sandra Wobrazek
Mit rund 103.000 Lehrlingen zählt die duale Ausbildung zu den tragenden Säulen des Wirtschaftsstandorts Österreich. In rund 27.000 Betrieben – vom kleinen Handwerksunternehmen bis zum global tätigen Industriekonzern – werden angehende Fachkräfte ausgebildet.
Für viele Unternehmen ist die Lehre der strategisch wichtigste Weg, um Fachkräfte zu sichern. Sie können Kompetenzen gezielt im eigenen Betrieb aufbauen, dem demografischen Wandel entgegenwirken und Wissen langfristig halten. Zudem gilt die Lehre als stabiles System, das Theorie und Praxis verbindet und auch international hohe Anerkennung findet. In einer Arbeitswelt, die von Digitalisierung, Automatisierung und Fachkräftemangel geprägt ist, gewinnt die Ausbildung im Betrieb noch stärker an Bedeutung: Sie entscheidet mit darüber, wie wettbewerbsfähig der Standort Österreich in Zukunft bleibt.
Die Lehre bietet jungen Menschen eine Vielzahl an Aufstiegsmöglichkeiten.
Engpässe bei Fachkräften
Die Ergebnisse einer jährlichen österreichweiten Unternehmensbefragung (Arbeitskräfteradar) des ibw – Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft im Auftrag der WKO zeigen, dass der Arbeits- und Fachkräftemangel in Österreich – letzte Erhebung im Frühjahr 2025 – weiterhin auf einem sehr hohen Niveau liegt: rund 176.000 offene Stellen für Fachkräfte bezogen auf alle Mitgliedsbetriebe der WKO.
Angesichts dieser Engpässe ist die Ausbildungsbereitschaft hoch, wie die Studie zeigt: Rund die Hälfte der befragten Betriebe würde („sicher oder vielleicht“) mehr Lehrlinge ausbilden, wenn ausreichend geeignete und interessierte Jugendliche zur Verfügung stünden. In 57 Prozent der betroffenen Betriebe führte der Mangel bereits zu Umsatzeinbußen – etwa durch abgelehnte Aufträge oder Einschränkungen des Leistungsangebots. Auch die Attraktivierung der Lehrlingsausbildung wird mehrheitlich (77 %) als wichtige Maßnahme gesehen.
Parallel zur Diskussion über den Fachkräftemangel sorgt ein politischer Vorschlag für zusätzlichen Gesprächsstoff: Unternehmen, die keine Lehrlinge ausbilden, sollen künftig verpflichtend in einen gemeinsamen Fonds einzahlen. Die Produktionsgewerkschaft ProGe argumentiert, dass Ausbildungsbetriebe entlastet und zusätzliche Mittel für die duale Ausbildung mobilisiert werden könnten. Kritiker – allen voran die Wirtschaftskammer – lehnen eine solche Abgabe jedoch ab. Viele Betriebe könnten aus strukturellen Gründen nicht ausbilden oder
fänden keine geeigneten Jugendlichen, heißt es. Eine Zwangsabgabe würde diese Unternehmen daher ungerecht treffen und das Problem nicht lösen.
XXXLutz Unternehmenssprecher Thomas Saliger (Mitte) mit Lehrlingen.
Relevante Basis
Die Lehrlinge sind das Fundament des Wirtschaftsstandorts Österreich, erinnert Monica Rintersbacher, die Geschäftsführerin der Leitbetriebe Austria. Wer heute Lehrlinge ausbildet, investiert nicht nur in das eigene Unternehmen, sondern in die Zukunft Österreichs, sagt sie: „In herausfordernden Zeiten zeigen Leitbetriebe Verantwortung und bilden gezielt aus, um Fachkräfte im Land zu halten. Lehrlinge bringen Energie, neue Denkweisen und digitale Selbstverständlichkeit in die Betriebe. Besonders gefragt sind sie in der Industrie und Produktion, in technischen Berufen, in der IT, im Handel sowie im Tourismus und in der Logistik – also genau in jenen Branchen, die unsere Wertschöpfung und Beschäftigung tragen.“
Um die duale Ausbildung als gleichwertigen, modernen und zukunftssicheren Bildungs- und Karriereweg sichtbar zu machen, wurde die z.l.ö. – zukunft.lehre.österreich gegründet. Die Idee der Plattform: Die Lehre ist ein zentraler Hebel für die wirtschaftliche Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit Österreichs – und damit ein wesentlicher Faktor für den Standort. Die Initiative versteht sich als unabhängige, überparteiliche Plattform und Impulsgeber zwischen Wirtschaft, Politik, Bildung und Gesellschaft. Gemeinsam mit Unternehmen, Ausbildern und Partnern werden Maßnahmen, die die Lehre vor den Vorhang holen, gesetzt, berichtet Geschäftsführerin Monika Sandberger: „Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungen, Best-Practice-Beispiele und Initiativen, die zeigen, wie leistungsfähig, vielfältig und innovativ die Lehrausbildung heute ist. Gleichzeitig arbeiten wir daran, die Rahmenbedingungen für ausbildende Unternehmen bestmöglich zu gestalten und sehen uns als ihr Sprachrohr in Richtung Politik.“
Stärke der Lehre
Im Rahmen der Lehre, die je nach Lehrberuf zwischen zwei und vier Jahren dauert, werden 80 Prozent direkt im Ausbildungsbetrieb und 20 Prozent in der Berufsschule verbracht. Ein duales System, das auch international regelmäßig Anerkennung findet. Besonders Leitbetriebe wollen jungen Menschen echte Perspektiven bieten, sagt Monica Rintersbacher, die unterstreicht, dass die Stärke der österreichischen Lehre darin liegt, dass Ausbildung hier nicht abstrakt ist, sondern gelebter Alltag. „Lehrlinge sind von Beginn an Teil des Teams, übernehmen Verantwortung und erleben, dass Leistung zählt. Unternehmen vermitteln dabei nicht nur Fachwissen, sondern Werte: Verlässlichkeit, Einsatzbereitschaft und Zusammenhalt“, so Rintersbacher. Sie sagt, dass viele Betriebe die Lehre bewusst als Einstieg in eine langfristige Karriere sehen. Diese Durchlässigkeit – vom Lehrling bis zur Führungskraft – sei ein starkes Signal und ein zentraler Erfolgsfaktor für den Standort Österreich.
Um mehr junge Menschen für eine Lehre zu gewinnen, sagt Monika Sandberger, braucht es Orientierung, Wertschätzung und Perspektiven – und das gelte nicht nur für Jugendliche, sondern besonders auch für deren Eltern: „Bildungsentscheidungen werden meist gemeinsam getroffen, daher ist es entscheidend, auch Eltern davon zu überzeugen, dass eine Lehre ein moderner, hochwertiger und chancenreicher Ausbildungsweg ist.“
Monika Sandberger, Robert Machtlinger, Monica Rintersbacher von z.l.ö. – zukunft.lehre.österreich.
Am Puls der Zeit
Eines der Unternehmen, in denen Lehrlinge eine relevante Rolle spielen, ist XXXLutz, eines der größten Familienunternehmen Österreichs. Unternehmenssprecher und Marketingleiter Thomas
Saliger, der einst selbst eine Tischlerlehre absolviert und dann Jus studiert hat, betont, dass die Lehrlingsausbildung das Um und Auf der Personalpolitik ist: „Seit Jahrzehnten haben wir eine fixe Lehrlingsquote, die mit zehn Prozent des Mitarbeiterstandes festgelegt ist. Das heißt: Zehn Prozent unserer Mitarbeiter müssen immer Lehrlinge sein. Damit sorgen wir immer frühzeitig für Nachwuchs bei Führungskräften, Servicemitarbeitern und vielem mehr. Insgesamt beschäftigen wir allein in Österreich 1.200 Lehrlinge.“
Unternehmen, die ausbilden, bauen Know-how im eigenen Betrieb auf, geben Wissen weiter und sichern ihre Zukunft aus eigener Kraft. Davon ist Monika Sandberger überzeugt. Auch volkswirtschaftlich sei die Lehre ein äußerst effizientes Modell: „Sie verbindet betriebliche Investitionen mit öffentlichen Bildungsaufgaben, ermöglicht einen raschen Einstieg in den Arbeitsmarkt und trägt zur Stabilität der Sozialsysteme bei. Damit ist die Lehre ein tragender Pfeiler des Wirtschaftsstandorts Österreich.“
Wettbewerbsvorteil
Ein starker Standort braucht eine moderne Lehre, ist auch Monica Rintersbacher überzeugt. Tatsächlich entwickeln viele Unternehmen ihre Ausbildungsmodelle laufend weiter, investieren in digitale Ausstattung, neue Lernformate und zeitgemäße Inhalte. Sie qualifizieren Ausbilder weiter, so Rintersbacher, und öffnen sich für Kooperationen mit Schulen, Hochschulen und Innovationspartnern. „Vor allem aber binden sie Lehrlinge aktiv in Veränderungsprozesse ein – etwa bei Digitalisierung oder Nachhaltigkeit. So lernen junge Menschen nicht für die Vergangenheit, sondern für die Zukunft. Genau das macht die Lehre zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil für Österreich.“
In ihrer täglichen Arbeit erlebt Monika Sandberger, wie sehr junge Menschen aufblühen, wenn man ihnen Verantwortung überträgt und ihnen etwas zutraut, erzählt sie. Genau dieses Potenzial sichtbar zu machen, ist der Anspruch der Plattform zukunft.lehre.österreich. „Dabei geht es“, so Sandberger, „nicht nur um Imagearbeit, sondern um Standortpolitik im besten Sinn. Wer heute in Lehre investiert, investiert in Fachkräfte, Wertschöpfung und soziale Stabilität von morgen.“
Denn: Die Zukunft der österreichischen Wirtschaft wird nicht allein durch Technologie, Investitionen oder politische Maßnahmen entschieden – sondern vor allem durch motivierte und engagierte Fachkräfte.
Wolfgang Bliem sagt, dass nicht nur der hierarchische Aufstieg zählt: Fachexpertisen werden immer relevanter.
Welche Bedeutung Lehrlinge für Unternehmen haben, erhebt das ibw – Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft. ibw-Experte Wolfgang Bliem über die Chancen, die Lehrlinge derzeit haben.
Wie wichtig sind Lehrlinge für österreichische Unternehmen?
Wolfgang Bliem: Lehrlinge sind für viele Unternehmen das Fundament ihrer Fachkräftesicherung. Studien zeigen, dass in kaum einem Bereich der Bedarf so groß ist wie bei qualifizierten Fachkräften aus der Lehre. Unternehmen sehen in der dualen Ausbildung den Vorteil, dass sie junge Menschen spezifisch für den eigenen Betrieb ausbilden können.
Gibt es genug Betriebe und Jugendliche, die sich für die Lehre entscheiden?
Hier haben wir ein „Matchingproblem“. Immer öfter ziehen sich Unternehmen aus der Ausbildung zurück, weil sie nicht ausreichend geeignete Bewerberinnen und Bewerber haben. Gleichzeitig finden Lehrstellensuchende aufgrund mangelnder Grundkompetenzen oft keinen Ausbildungsplatz.
Was macht die duale Ausbildung besonders?
Die Stärke liegt in der Kombination aus praktischem Lernen im Betrieb und theoretischer Ausbildung in der Berufsschule. Ein großer Teil der Kompetenzen entsteht beim Arbeiten. Gleichzeitig sorgt die Berufsschule für das notwendige theoretische Fundament. Immer häufiger steigen ältere Jugendliche und Erwachsene ein. Die Lehre ist nicht das Ende des Bildungswegs, sondern eine solide Basis für spätere Weiterbildungen.
Haben Lehrlinge später Aufstiegschancen?
Der klassische Weg führt über Meister- oder Befähigungsprüfungen in Richtung Führungsrolle oder Selbstständigkeit. Daneben gibt es Weiterbildungswege wie Werkmeisterschulen oder höhere berufliche Qualifikationen. Mit Lehre mit Matura stehen akademische Wege offen. Das System wird laufend erweitert, etwa durch die höhere berufliche Bildung, die praktische Erfahrung formal anerkennt. Entscheidend ist ein modernes Verständnis von Karriere: nicht nur hierarchischer Aufstieg, sondern auch der Aufbau einer fachlichen Expertenlaufbahn.
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