„Man investiert dort, wo Regeln verlässlich sind“

Zwei Wirtschaftsexperten erklären, welche Standortvorteile Österreich trotz allem noch hat und was es braucht, um sie zu sichern.
Industrial Welder With Torch

Was sind nach wie vor Österreichs zentrale Standortvorteile?

Monika Köppl-Turyna: Politische Stabilität, hohe Rechtssicherheit, qualifizierte Arbeitskräfte und starke industrielle Basis. Zudem hohe Lebensqualität und verlässliche Institutionen.

Holger Bonin: Dazu ein hohes Maß an sozialer Stabilität, wozu die immer noch funktionierende Sozialpartnerschaft beiträgt, attraktive Forschungsförderung und hochwertige moderne Infrastruktur, weil Investitionen im Gegensatz zu Deutschland nicht verschlafen wurden.

Wo stehen wir da im Vergleich zu anderen Standorten in Europa?

Bonin: Österreich punktet durch seine Nähe zu den wachstumsstarken Märkten Osteuropas, ist dadurch ein Brückenkopf für viele internationale Konzerne. Im Vergleich zu Deutschland und Italien liegen wir bei der digitalen Verwaltung klar vorn, Firmengründungen zum Beispiel gehen viel leichter. Die immens hohe Lebensqualität ist ein Magnet für internationale Talente.

Köppl-Turyna: Unternehmen investieren dort, wo Regeln verlässlich sind, Eigentum geschützt ist und soziale Spannungen gering bleiben.

Eine Frau mit braunen Haaren trägt ein blaues Kleid und einen schwarzen Blazer.

Monika Köppl-Turyna, Direktorin des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria

Wird Österreich seiner Rolle als innovationsgetriebener Standort gerecht oder lebt es zu stark von bestehenden Strukturen?

Bonin: Österreich steht bei den Forschungsausgaben in Europa mit an der Spitze, in internationalen Innovationsrankings steigt es aber eher ab. Für das, was an Geld und Personal in die Forschung geht, kommen zu wenig Patente und marktfähige Produkte heraus. Es gibt zu wenige Start-ups, die radikal neue Ideen hervorbringen.

Köppl-Turyna: Unser Land ist innovationsfähig, schöpft dieses Potenzial aber noch nicht vollständig aus. Stärken liegen in der angewandten Forschung und der Industrie, Schwächen vor allem beim raschen Wachstum innovativer Unternehmen, bei der Verfügbarkeit von Risikokapital und bei der Umsetzung notwendiger Strukturreformen.

Stichwort Reformen: Wie stark schmälern Lohnnebenkosten und Bürokratie die Standortvorteile?

Bonin: Lohnnebenkosten? Das sind hauptsächlich Sozialbeiträge, die in ein tragfähiges soziales Netz fließen, also einen der schon genannten langfristigen Wachstumstreiber, von dem auch die Unternehmen profitieren. Bei dem Schlagwort geht es eigentlich um etwas anderes. Erstens sind in Österreich in den letzten Jahren die Lohnkosten davongelaufen. Die Sozialpartner haben zu wenig auf die Entwicklung der Produktivität geachtet – obwohl das die Benya-Formel eigentlich vorsieht. Das müssen sie wieder geraderücken. Zweitens bleibt den Beschäftigten im internationalen Vergleich wenig netto vom brutto, vor allem bei mittleren Einkommen. Das verstärkt Arbeitsengpässe und ist ein Hemmschuh fürs Wachstum.

Ein lächelnder Mann im Anzug mit verschränkten Armen vor neutralem Hintergrund.

Holger Bonin, Direktor des öster. Instituts für höhere Studien (IHS). 

Köppl-Turyna: Unsere Lohnnebenkosten schwächen die preisliche Wettbewerbsfähigkeit spürbar, vor allem für arbeitsintensive Branchen.

Welche Standortfaktoren werden in den kommenden fünf Jahren entscheidend sein?

Bonin: Die Politik muss tragfähige Konzepte zur Bewältigung der großen Herausforderungen in den Bereichen Gesundheit, Pensionen und Dekarbonisierung in die Umsetzung bringen.

Köppl-Turyna: Entscheidend wird sein, budgetäre Spielräume für Entlastungen zu schaffen. Dazu braucht es Reformen im Pensionssystem, einen konsequenten Bürokratieabbau, geringere Abgaben auf Arbeit, effizientere Produktionsprozesse, qualifizierte Zuwanderung, innovations- und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen sowie leistbare Energie.

Wie würden Sie einem internationalen Investor in einem Satz erklären, warum Österreich ein guter Standort ist?

Bonin: Come to Austria – you will love its talent, safety and

efficiency!

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