Eine ganze Branche im tiefgreifenden Strukturwandel

Bauwirtschaft: Neue Initiativen, bessere Vergaben und regionale Kooperationen sollen den Standort Österreich weiterhin stark machen.
Ein gelber Bauhelm und ein Architekturmodell stehen auf einem Tisch, im Hintergrund sind unscharfe Personen und digitale Symbole zu sehen.

Sandra Wobrazek

Sie zählt zu den zentralen Stützen der österreichischen Wirtschaft – die Baubranche. Mit einem geschätzten Marktvolumen von rund 36,7 Mrd. Euro im Jahr 2025 und moderatem Wachstum, das durch öffentliche und private Investitionen getragen wird, ist sie ein wichtiger Player. Laut einer Branchenanalyse wird für 2025 ein Marktwachstum von etwa vier Prozent erwartet, nachdem die Bauwirtschaft in den Jahren zuvor unter Druck stand.

Zwar haben zuletzt Auftragseingänge und Wohnbautätigkeit schwankende Entwicklungen gezeigt, doch steigen die Baukosten moderat und geben Anreize für Innovationen bei Prozessen, Materialien und Digitalisierung. Vor diesem Hintergrund gewinnen strukturierte Standortinitiativen und Förderprogramme an Bedeutung – sie sollen Unternehmen unterstützen, neue Technologien zu adaptieren, Fachkräfte zu gewinnen und Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.

Zwei Frauen analysieren am Computer eine farbige Wärmebildaufnahme eines Hauses in einem modernen Büro.

Nachhaltige Maßnahmen wie Wärmedämmungen werden in der Branche immer relevanter.

Regionale Vergabe

Die Bauwirtschaft ist ein zentraler Konjunkturmotor – besonders dann, wenn die Wirtschaft schwächelt, gibt Josef Muchitsch, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Bau-Holz (GBH) zu bedenken: „Gerade in solchen Phasen entscheidet sich bei Ausschreibungen, ob öffentliche Mittel Arbeitsplätze sichern oder an heimischen Betrieben vorbeigehen. Deshalb müssen Aufträge mutig, klug und nachhaltig vergeben werden. Mit unserer Initiative ROT-WEISS-ROT BAUEN setzen wir genau hier an.“

Die Idee dahinter: Öffentliche Investitionen sollen regional vergeben werden, damit Betriebe überleben, Beschäftigte Arbeit haben und Wertschöpfung im Land bleibt. „Innovation heißt für uns“, so Muchitsch, „nicht nur neue Technik, sondern auch bessere Vergaben, klare Qualitätskriterien, starke Ausbildung und konsequente Kontrolle. So sichern wir Beschäftigung und den Standort langfristig.“

Nachhaltigkeit im Fokus

Auch die durch den Klimawandel und neue Nachhaltigkeitsziele bedingte Transformation beschäftigt die Branche: Klimaziele, Sanierungsoffensive und Digitalisierung verändern die Branche tiefgreifend, wie Josef Muchitsch bestätigt. Eine Transformation, die jedoch nicht auf Kosten der Beschäftigten gehen dürfe: „Er muss aktiv gestaltet werden – mit Weiterbildung, Planungssicherheit und klaren Regeln. Veränderung kostet Arbeitsplätze, schafft aber auch neue.“

Die große Chance liegt in der Sanierung, so Muchitsch: Wer Gebäude modernisiert und Energie spart, schafft regionale Jobs und stärkt die Wirtschaft. Digitalisierung verbessert aktuell zwar Abläufe – „das Handwerk wird sie aber nie zu 100 Prozent ersetzen. Und das ist gut so.“

Ein Bauarbeiter mit Helm arbeitet mit Hammer an einem hölzernen Dachstuhl unter blauem Himmel.

Gerade im österreichischen Bauwesen werden bestens ausgebildete Fachkräfte dringend gesucht.

Forschungslandschaft

Österreich punktet als Sanierungsstandort durch eine starke Forschungslandschaft, hohe Kompetenz im ökologischen Bauen und traditionsreiche Holzbau- bzw. Baustoffunternehmen, berichtet Ulla Unzeitig, Geschäftsführerin des Innovationslabors Renowave.

Ihrer Erfahrung nach stehen die zahlreichen Vertreter der jeweiligen österreichischen Bau-Kammern Innovationen sehr positiv gegenüber: „Es wird in diesem Bereich bereits sehr viel getan und das wird auch dafür sorgen, dass wir die Transformation des Gebäudebestandes gut schaffen werden. Zusätzlich gibt es viele private Initiativen. Wir werden im April zum zweiten Mal einen Sanierungsgipfel abhalten, zu dem wir alle Verbände und Organisationen einladen, in den Austausch zu kommen, um gemeinsam konkrete Projekte anzustoßen.“

Österreich ist zwar bautechnisch sehr gut aufgestellt doch bei Renowave glaubt man, dass die Gebäudesanierung vor allem eine organisatorische und finanzielle Herausforderung sein wird. Unzeitig: „Sobald eine Förderung ausläuft, kommen Projekte zum Stillstand. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn Förderungen als verlässliches, zumindest mittelfristiges Instrument wahrgenommen werden.“

Vernetzung als Faktor

Für die Wettbewerbsfähigkeit sind Vernetzung, Wissenstransfer und die konkrete Umsetzung von Projekten gleichermaßen entscheidend. Plattformen wie renowave.at spielen eine zentrale Rolle: Sie schließen die Lücke zwischen Forschung und Markt und bringen innovative Ideen schneller in die Praxis. Innovatives Wissen braucht oft Jahre, bis es in der Praxis ankommt, sagt Ulla Unzeitig: „Wir verkürzen diesen Weg, indem wir alle relevanten Akteurinnen und Akteure zusammenbringen: von Installateurinnen und Installateuren über Planerinnen und Planer und Forschungseinrichtungen bis hin zu Gemeinden und Ministerien.“ Dieser umfassende Blick auf die gesamte Wertschöpfungskette, so Unzeitig, ermöglicht es, Innovationen wie die serielle Sanierung zu beschleunigen. „Gleichzeitig stärkt er die technologische Vorreiterrolle der österreichischen Bauwirtschaft nachhaltig.“

Renowave ist stark im Innovationsbereich aktiv. In letzter Zeit lag der Fokus vermehrt auf WEGs (Wohnungseigentumsgemeinschaften) – eine Gruppe, die als am schwierigsten zu sanieren gilt, sagt Unzeitig. „Nicht, weil die Gebäude so kompliziert wären, aber die Abstimmungsprozesse laufen so zäh, dass umfassende Sanierungen kaum möglich sind. Hier erarbeiten wir gerade gemeinsam mit unseren Genossenschafterinnen und Genossenschaftern Lösungen.“

Regionale Lieferketten

Um den Standort zu stärken, sind österreichische Unternehmen wichtig, die auf regionale Fachkräfte setzen. So wie das Wiener Familienunternehmen Nibra, das sich auf die Errichtung und Wartung von Aufzugsanlagen spezialisiert hat. Eigentümer Nikolaus Brada ist überzeugt: Um Innovation und Wertschöpfung in Österreich zu halten, braucht es qualitätsorientierte Vergaben, Fachkräfte und Planungssicherheit. Rot-Weiß-Rot heißt für ihn: „Leistung mit eigenen Teams in Wien und Österreich, Ausbildung, faire Standards und regionale Lieferketten. Europäische Beschaffung nach dem Prinzip Made in Europe ist auch ein Resilienzfaktor.“

Die größten Impulse in seiner Branche sieht der Unternehmer bei Predictive Maintenance, Smart-Building-Anbindung, Energieeffizienz und barrierefreier Erschließung. Wer Verfügbarkeit und Betriebskosten messbar verbessert, sagt Brada, und Modernisierung vor Austausch stellt, stärkt die Wettbewerbsfähigkeit des Bau- und Immobilienstandorts Österreich. Er ist überzeugt: Im Bestand liegt das größte Potenzial: „Ein nachgerüsteter oder modernisierter Lift steigert Marktwert und Vermietbarkeit.“

Zwei NIBRA-Mitarbeiter reparieren einen Aufzug mit geöffneter Tür und sichtbarer Mechanik.

Unternehmen wie Nibra setzen auf Regionalität.

Gesuchte Fachkräfte

GBH-Vorsitzender Josef Muchitsch erwartet sich kürzere Fristen – von der Baugenehmigung bis zur Behandlung von Einsprüchen. „Wir wollen bauen, was Menschen brauchen, und sanieren, was saniert gehört. Verzögerungen verteuern Projekte und kosten Arbeitsplätze. Zukunftssicher Bauen heißt für uns: Weg vom reinen Billigstbieter bei öffentlichen Aufträgen“, so Muchitsch. Was am Anfang billig wirke, koste am Ende oft mehr – bei Mängeln, bei der Gewährleistung und bei der Qualität: „Regionalität und Tempo sichern Innovation, Beschäftigung und den Standort Österreich.“

Angesprochen auf Fachkräfte betont Muchitsch, dass die Ausbildung zwar stark, Einkommen und Aufstiegschancen gut seien – vom Lehrling bis zum Baumeister. Um dem Fachkräftemangel etwa entgegenzusetzen, fehle aber Kontinuität bei der Jahresbeschäftigung: „Niemand will vor Weihnachten arbeitslos sein. Deshalb brauchen wir stabile Investitionen und faire Vergaben, damit Betriebe ganzjährig planen können. Wir sagen auch klar: Wir brauchen mehr Frauen und Mädchen in unseren technischen Berufen. Das ist eine zentrale Zukunftsfrage.“

Vereinfachungen

Es müssen Dinge vereinfacht werden, fordert Ulla Unzeitig von Renowave. Sie erinnert daran, dass es für jedes Bundesland eine eigene Bauordnung und Wohnbauförderung gibt: „Es gibt zum Beispiel drei Systeme, den Energieausweis zu verwalten. Außerdem lässt das Mietrecht nicht zu, dass Energie-Einsparungen gegenverrechnet werden können und so zur Finanzierung beitragen. Hier gibt es eine lange Liste an Verbesserungsmöglichkeiten, die wir im Laufe der Zeit zusammengetragen haben. Vieles wird durch das föderalistische System – das sicherlich auch sinnvoll ist – unnötig verkompliziert.“

2026 wird es ein Leitprojekt zum Thema „Einfach Bauen“ geben – davon verspricht sich die Branche sehr viel, so Ulla Unzeitig. Ihr Wunsch: Bauen und Sanieren soll einfacher werden – „aber es soll nicht auf Kosten von baulicher und architektonischer Qualität gehen“.

Alexander Pawkowicz steht vor einer marmorierten Wand und blickt freundlich in die Kamera.

Alexander Pawkowicz, Geschäftsführer der VÖPE

„Unsicherheiten dämpfen die Wirtschaftsleistung“

Interview. Die Vereinigung österreichischer Projektentwickler der Immobilienbranche (VÖPE), definiert ihre Mission: Aktiv an Gestaltungsprozessen mitzuarbeiten, um verlässliche und transparente Rahmenbedingungen für die Projektentwickler herzustellen. Alexander Pawkowicz, Geschäftsführer der VÖPE, im Gespräch über die Bedeutung von Innovationen.

Welche Rolle spielen Innovationen, um den Standort Österreich wettbewerbsfähig zu halten?
Alexander Pawkowicz: Wichtig für Innovationen sind die Rahmenbedingungen. Wenn sie nicht passen, werden innovative Forschende sowie Expertinnen und Experten zu anderen Märkten abwandern. Unerwartete Markteingriffe durch den Staat, wie durch das Indexierungsverbot im Mietrecht, schaffen Unsicherheit unter den Marktteilnehmenden. Diese Unsicherheiten dämpfen die Wirtschaftsleistung und schaden Innovationen.

Wie bringt sich  die VÖPE hier konkret ein? 
In unseren ehrenamtlichen Fachausschüssen sitzen die besten Köpfe der Branche, die zahlreiche konkrete inhaltliche Impulse und Leitlinien von der Praxis und für die Praxis erarbeitet haben. Diese Impulse tragen wir in unsere Mitgliedsunternehmen aber auch zu politischen Entscheidungsträgern. Ein Beispiel ist die jüngste Ankündigung der Bundesregierung die UVP-Verfahren zu vereinfachen. Dafür haben wir uns viele Jahre eingesetzt.

Was braucht es für die schnellere Umsetzung  innovativer Bauprojekte? 
Aus unserer Sicht  sind die Genehmigungsverfahren viel, viel zu lang. Jeder Monat länger kostet alle Beteiligten viel Geld, und am Ende zahlen die Kundinnen und Kunden drauf. Wir haben bereits mehrmals die sogenannte „Fast Lane“ – also eine Art „schnelles Verfahren“ – vorgeschlagen. Das soll für alle Projekte gelten, die besonders nachhaltig sind. Nach unserer Vorstellung soll jedes Bauprojekt, das besonders nachhaltig oder innovativ ist, schneller genehmigt werden – eine  positive Motivation, wenn man besonders nachhaltig baut. Das stärkt die Wirtschaft, schützt die Umwelt nachhaltig und reduziert die Preise für das fertige Produkt.  Etwas Ähnliches gibt es schon bei Förderungen – man muss die „Fast Lane“ also nur für Bauprojekte anpassen.
 

Kommentare