Stadt-Hund auf dem Land: Was Archimedes so große Angst machte
Der Unterschied zwischen Stadt- und Landlebewesen macht sich auch im Tierreich bemerkbar. Wir hatten unlängst eine Woche lang Archimedes in Pflege. Archimedes gehört zu Frau Freunds in Berlin lebender Tochter und ist ein Toy-Pudel.
Toy, das sagt schon alles: Dieser Mini-Pudel gleicht einem Spielzeug, und man erkennt nicht auf Anhieb, dass er der Gattung der Wolfs- und Schakalartigen angehört, also ein Hund ist.
Mit seinen blonden Löckchen und den schwarzen Knopfaugen läuft er ständig Gefahr, auf den Arm genommen zu werden. Öfter aber wird er in den Arm genommen und hemmungslos abgeschmust. Archimedes ist ein Herzensbrecher.
Raus - bei jedem Wetter
Das hilft ihm aber bei abgebrühten Landmenschen wie Frau Freund und mir wenig. Bei jedem Wetter musste er mit uns hinaus in die Natur. Freilich, der Spielzeugpudel hielt es mit John F. Kennedy: „Ick bin oin Berlinör“, raunte er einem zu, wenn es darum ging, eine Runde zu drehen.
Geschlossene Schneedecken, wie wir sie während seines Besuchs hatten, lehnte er vollkommen ab. Um sie zu vermeiden, kroch er an Gartenzäunen entlang durch dichtes Buschwerk, wobei Letzteres ihm auch Angst zu machen schien. Am Flussufer entlang? Lacken! Spitzer Schotter! Die Wiese hinter dem Haus? Gatsch!
Das Entsetzen des Hundes, wenn wir die Leine zur Hand nahmen, ließ erst nach, als wir begannen, mit ihm auf der Straße herumzuspazieren. Autos, Abgase, Lärm, Asphalt, da fühlte er sich pudelwohl.
Unsere leider bereits im Hundehimmel weilenden Mischlinge Daria und Anton waren richtige Landeier. Immerhin, Anton konnte es genießen, wenn wir nach Wien fuhren. Kaum angekommen, sprang er aus dem Auto und blieb minutenlang an Hydranten oder Hausecken kleben. Nein, er schnupperte nicht an den Nachrichten, die andere Hunde hier hinterlassen hatten – er sog sie mit einer erschreckenden Gier regelrecht ein, und gewiss träumte er in seinem Herzen von vierbeinigen Ladys und rassigen Ludern und bellenden Vorstadtweibern.
Wo ist das Fleckchen Wiese?
Daria hingegen (ich zählte sie zur Art der Borderline-Collies) begann bereits in Auhof leise zu zittern. Sie verabscheute die Stadt vor allem deshalb, weil sie ihr Lacki nicht auf Asphalt machen konnte – sie brauchte zumindest einen kleinen Flecken Wiese, und der war nicht immer gleich zu finden.
Archimedes jedenfalls hat die Woche bei uns überlebt. Manchmal war es knapp, denn nicht immer lag der Hund auf dem Sofa, und im Tarnmodus auf dem Fußboden lief er Gefahr, in einen Teppich verwandelt zu werden. Außerdem fütterten wir ihn nicht von Hand, sondern gingen davon aus, dass er kurz vor dem Verhungern schon etwas fressen würde. Auch durfte er nicht in unserem Bett schlafen, was auf sein äußerstes Unverständnis stieß.
Aber immerhin, er war lernfähig. Er begann, Katzen zu vertreiben, Krähen aufzuschrecken und Knochen zu nagen, bis er irgendwann, mit Schmutz an den Pfoten und Stolz im Blick, einsah, dass des Pudels Kern – ein Hund ist.
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