Kolumnen
24.03.2018

Schuld ist die Wegwerfgesellschaft

Hierzulande hat sich die Zahl der Singlehaushalte in den vergangenen 30 Jahren fast verdoppelt.

Es ist nicht so, dass ich irgendetwas gegen Tomatensugo habe. Aber: Wer braucht ein 500-Gramm-Glas? Und das im Doppelpack? !

Kann irgendwer den Essensmachern dieser Welt erklären, dass die Großfamilie, die kiloweise Tomatensugo zum Abendessen verputzt, eher eine aussterbende Spezies ist?
Hierzulande hat sich die Zahl der Singlehaushalte in den vergangenen 30 Jahren fast verdoppelt. Verdoppelt!

Genervt schiebe ich den Einkaufswagen durch den Supermarkt. Vorbei an den 1+1 Gratis Trauben-Packungen. Stoppe abrupt beim Joghurt. Rotes Schild!  2+1 gratis Aktion. Schon staple ich drei Becher ins Wagerl.  Ahnend, dass mindestens einer davon im Müll landen wird.

173 Kilo Lebensmittel werfe ich weg. Jedes Jahr. Nein, das habe ich nicht nachgewogen. Das behauptet die Europäische Kommission, die eine Statistik vorlegt, laut der jeder  EU-Bürger im Jahr so viel verschwendet. Dass  daran die Manager der Lebensmittelindustrie schuld sind, die „Singlehaushalt“ nicht buchstabieren können, steht nicht dezidiert in der Studie. Vielleicht ist dem modernen Konsumtrottel  auch schlicht die Begabung abhandengekommen, das zu kaufen, was er tatsächlich isst.

In jener Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, gab es einen alten Mann, der irgendwie schon immer sehr alt war. Er hat immer einen Einkaufstrolley hinter sich hergezogen. Nicht zum Billa, sondern zu den Mülltonnen der Hotels. Dort hat er rausgefischt, was noch genießbar war. Dumpster diving nennt man das heute. Eines dieser neudeutschen Worte, die der alte Herr sicher nicht kennt. Er hat in Kriegsgefangenschaft gehungert und kann  deshalb keine Lebensmittelverschwendung  ertragen, hat er einmal erklärt.

Neulich ging der Reporter  eines Berliner Lokal-Radio-Senders der Frage nach, warum in Berlin angeblich jeder zweite Haushalt ein Singlehaushalt ist. Liegt an der Wegwerfgesellschaft, hat eine Studentin  ihm erklärt. Was man nicht mehr mag, entsorgt man umgehend. Jeans, altes Brot und auch den Menschen, mit dem man einst das Leben verbringen wollte