Polly Adlers "Chaos de luxe": Das laute Leiden der Gartenmenschen

Warum wir mehr Menschen mit solchen Huschern brauchen.
Polly Adler
Eine lächelnde Frau mit Sonnenbrille, dargestellt in einem Aquarell-Stil.

Gartenmenschen tendieren zum Obsessiven. Sie jammern ständig darüber, dass sich kein Mensch auch nur annähernd eine Vorstellung mache, wie viel Arbeit in so eine Botanikwohnung fließe. Das Argument, dass niemand ihnen Wühlmausarbeiten mit einem Revolver an der Schläfe anschaffe, also alles freiwillig sei, lassen sie nicht gelten. Denn nur lautes Leiden macht ihnen auch wirklich Spaß. 

Sie pilgern zu Gärtnerei-Boutiquen und kaufen sich um 300 Euro aristogrüne Gummistiefel und britische Gabardine-Hosen mit Lederflecken auf den Kniescheiben, damit sie auch wirklich stilgerecht vor ihren Beeten rumrobben können. Sie geraten in orgiastische Zustände, wenn der Rhododendron von einem Burn-out bewahrt werden konnte und die Tomaten erste Ambitionen zeigen. 

Es nützt auch gar nichts, wenn man flüstert, dass es um die Erntezeit auf dem Markt die Paradeiserchen um einen Apfel und ein Ei gibt. Es gehe doch in dieser digital versifften Zeit darum, ins Echtleben zu fassen. Gartenmenschen haben also oft einen ziemlichen Huscher, aber es ist ein Huscher, der die Welt schöner macht. 

In England, dem Disneyland für Exzentriker, kann man der Gartenvernarrtheit noch eine Cocktailkirsche draufsetzen: Es gibt dort Menschen, die sich mit Zipfelmützchen und in Kittelchen als Gartenzwerge verkleiden und Launenhebendes vor den Ligusterhecken aufführen. Bald werde ich mich im Garten meiner Eltern unter den blühenden Magnolienbaum fläzen und dem Vogelgezwitscher und ihrem Gejammer lauschen. 

Und die erste Salaternte mit so viel Andacht aus der Schüssel löffeln, dass man meint, es handle sich um ein Anti-Aging-Zaubermittel. Und du, mein lieber Balkon, zieh dich schon einmal warm an, denn ich düse demnächst auf den Großgrünmarkt.

pollyadler.at, polly.adler@kurier.at 

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