Polly Adlers Kolumne "Chaos de luxe": Meet me am Urinständer!

Diagnose: Romantik-Burnout
Polly Adler
Eine lächelnde Frau mit Sonnenbrille, dargestellt in einem Aquarell-Stil.

Kürzlich kam ich mittags zwecks Blutbild-Beschaffung in ein Labor. Der Zeitraum war die goldrichtige Entscheidung. Kaum Menschen, denn die meisten sahen sich offensichtlich nicht in der Lage, den geforderten Zustand der Nüchternheit bis Mittag durchzuhalten. 

Inmitten der Wartezimmer-Tristesse saß ein Mann in meiner Altersgruppe und von erstaunlicher Attraktivität: Typ griechischer Arthouse-Regisseur, eisgraue Lockenmähne, stechend grünes Augenmaterial. Verhaltenes Lächeln beiderseits. Beim Deponieren der Urinproben trafen wir uns wieder. 

In dem Moment, als ich meinen Mut ins freie Gelände peitschen wollte, um die Frage „Kommen Sie öfter hierher?“ zu stellen, hörte ich eine schrille Stimme sagen: „Karli, du Beidl, was ist jetzt mit dem Lulu? Ich steh’ in zweiter Spur.“ Eine Dame in Goldknöpfe-lastigem Bouclé-Outfit wedelte nervös mit einem Audi-Schlüssel. Er: „Schön sprechen. I bin’s eh glei, Jackie-Schatzi, hob scho’ abzwickt.“ Adieu, Arthouse, Jassu, Meet-cute am Urinständer, fuck you, Fantasie. Meine Vorstellungsgabe möchte ich nicht geschenkt. 

Zu Hause angekommen, klingelte mein Freund V durch. Er verlangte alles über Ayurveda-Doshas und den ganzen Pitta-Kapha-Vata-Tralala zu erfahren. „Dein Ernst jetzt?“wollte ich von meinem an sich mit einer Spiritualitäts-Unverträglichkeit und Eso-Phobie ausgestattetem Bro wissen. „Und wie!“ Mit einem frisch geschiedenen Kumpel, der wieder auf die freie Wildbahn müsse, wollte er jetzt in einem ayurvedischen Kochkurs die Flirt-Fänge ausbreiten. „Wenn’s dort nicht klappt, nichts wie an den Urinständer!“, murmelte ich mehr zu mir selbst und entschuldigte mich mit einem Romantik-Burnout für diese kryptische Anmerkung.

pollyadler.at, polly.adler@kurier.at 

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