Polly Adlers Kolumne "Chaos de luxe": Hodenkanäle energetisch freiräumen
Mein Bro F und ich haben digital einen täglichen Verrückten-Austausch. Und wenn dich einmal der Crazy-people-Algorithmus umklammert hat, scheint das Füllhorn un- erschöpflich. Auf Instagram gibt es Menschen, die mit Lichtrouten Hodenkanäle energetisch freiräumen, Herzchen keilen wollen für Outfits, die es ganz offensichtlich nicht in ihrer Größe gibt und die wie einem schlechten Drogentrip entsprungen wirken.
Frauen, die sich um Tausende Euros täuschend echte Baby-Puppen kaufen und gespenstisch liebevolle Beziehungen zu ihnen entwickeln („Ach, Debbie, möchtest du nicht dein Breichen essen!“). Männer, die sich Windeln und Frottee-Einteiler anwerfen und wie Babys wickeln zu lassen. Teenies, die als Elfen angesprochen werden wollen und das entsprechende Kostüm 24/7 tragen.
Typen, die in die Identität eines Ponys schlüpfen und wiehernd auf allen Vieren kriechen. Ein Opa mit fettiger Halbglatze, der von den Abenteuern mit seiner imaginären Freundin Juniper erzählt. Tatsächlich schwillt die Zahl der Von-der-Spur-Gekommenen, die die Außenwelt an ihren exzentrischen Abartigkeiten teilhaben lassen wollen, täglich an. Eine Art Realitätsflucht-Seuche. Auch im analogen Leben wächst der verschwörungsaffine Das-kann-doch-alles-kein-Zufall-sein-Stamm stetig.
Kürzlich erzählte mir ein Arzt, während ich in etwas an meiner Würde kratzender Position auf seinem Stuhl lag, dass Elvis heute als 85-jähriger Pastor im Sumpfgebiet von Memphis viele Menschen auf eine „healing journey“ schicke. „Und Epstein wirkt als Rabbi in Tel Aviv, oder?“ Jetzt sah er mich mit einem Eine-von-uns-Strahlen an und sagte: „Haben Sie die Botschaft auch schon bekommen?“ Ich nickte, denn mit Verrückten lässt es sich schlecht diskutieren.
pollyadler.at, polly.adler@kurier.at
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