Polly Adlers "Chaos de luxe": Kick it like Beckham
Kann man von seinen Kindern die Kündigung kriegen? Die ganze Welt sitzt ja erste Reihe, um das Entfremdungsdrama zwischen Brooklyn Beckham und seinen Eltern David und Victoria mitzuerleben. Nachdem die gesamte Mischpoche mit ihrem penetranten Wir-sind-eine-so-tolle-Familie-Gehopse auf ihren Erst-bis-Viertwohnsitzen die Menschheit überschwemmten, schmeckt uns allen das Gewürz „Schadenfreude“ jetzt besonders gut.
Victoria B sieht jetzt noch grimmiger aus, als man es nach einer 45-jährigen Gedämpfter-Fisch-auf-gedünstetem-Gemüse-Diät ohnehin tut. Meine Tochter und ich haben gerade eine einvernehmliche Beziehungspause eingelegt. Also ähnlich schrecklich, nur minus der Milliarden. Wir haben einfach keine Lust aufeinander. Darf man das als Mutter sagen?
Aber sogenannte „unconditional love“-Gefühle wollen sich einfach angesichts dieses Kränkungs-Himalaya nicht einstellen. Vielleicht bin ich überempfindlich und zu untergriffig in meiner Beleidigtheit , aber irgendwie finde ich es nicht so super, dass unsere Wohnung auf ihren Heimbesuchen als Koffer-Deponie, Umzieh-Location und Büro benutzt wird. Ich bin jetzt wirklich keine Pattex-Mum, die will, das der Fortpflanz 24/7 symbiosebereit ist.
Nur ab und zu vielleicht sowas Perverses wie ein Gespräch an Dim Sums, ohne dass sieben andere Freundinnen „also wirklich nur auf einen Sprung“ vorbeischneien. Und ich dann auch noch zwangsevakuiert werde, weil man sich in aller Ruhe „Stranger Things“ reinpfeifen möchte. Dieser Zwischen-den-Jahren-Horror hatte auch sein Positives. Verjüngungskur. Ich fühlte mich wieder wie Mitte 40, also in der Zeit, als ich im Purgatorium ihrer Pubertät alle Sünden, die ich meinen Eltern angetan hatte, abbüßen musste.
pollyadler.at, polly.adler@kurier.at
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