„Hilfe, ich bin handysüchtig!“

Auf der Couch mit der (fiktiven) Ururenkelin von Sigmund Freud: Eine Kabarettistin lädt zur satirischen Therapiestunde.
Aida Loos

Warum schauen Sie denn so gehetzt? Suchen Sie den Notausgang? Ach, die Steckdose! Vergessen Sie ’s, da lädt gerade meins. Also gut, handysüchtig. Sie sagen das so, als hätte ein Papagei Sie gebissen und jetzt sehen Sie Farben. Dabei sind Sie nicht krank, sondern zeitgemäß. Der letzte Mensch ohne Handysucht lebt in einem Kloster in Tibet und ist nur über WhatsApp erreichbar.

Wissen Sie, was mich rührt? Dass Sie ausgerechnet Hilfe bei mir suchen. Bei einem Menschen, der redet. Dabei ist Ihre Aufmerksamkeitsspanne mittlerweile kürzer als der Flügelschlag eines Kolibris mit ADHS. Ich könnte Ihnen die Lösung Ihres gesamten Lebens verraten, und Sie würden nach elf Sekunden denken: Ob jemand mein Frühstück auf Instagram geliked hat? Dabei sind doch Likes genauso wertvoll wie Komplimente von Betrunkenen, aber Sie finden das – ich zitiere Ihr Gehirn – befriedigend.

Das Scrollen entspannt Sie?

Ach Gottchen, dieses seelenauflösende Scrollen. Man scrollt und scrollt, und jede Information verdrängt die vorherige. Nach 40 Minuten fühlt man nichts mehr, ist nichts mehr, und weiß nicht mehr, ob es Dienstag oder Februar ist. Und das nennen Sie Entspannung? Früher hat man dafür LSD genommen. Heute reicht TikTok. Der Unterschied ist: Bei LSD sieht man Gott. Bei TikTok sieht man einen Hund auf einem Skateboard. Archäologen der Zukunft werden unsere Skelette finden, den verkrümmten Daumen sehen und sagen: „Ah, Homo Scrollens. Ist ausgestorben, aber seine Daten leben weiter.“

Doch, ich nehme Sie sogar sehr ernst. Ich glaube nur, dass Sie gar nicht handysüchtig sind, sondern menschenallergisch. Das Handy ist Ihr Antihistaminikum gegen Kontakt. Denn Menschen sind anstrengend, Menschen widersprechen und haben Bedürfnisse. Menschen leuchten auch nicht, wenn man sie antippt, sondern fragen: „Was soll das?“ Das Handy hingegen will nichts. Es gibt und gibt und fragt nie: „Und was ist mit mir?“ Es hört einfach zu und einfach ab. Es ist der einzige Ort, an dem Sie noch gebraucht werden. Jede Benachrichtigung sagt: Du bist relevant! Der Algorithmus sagt: Hier nimm! Noch ein Reel! Und noch eins! Er ist der perfekte Gastgeber: Er schenkt immer nach, und er fragt nie, ob Sie genug haben. Weil „genug“ ein Konzept ist, das dem Kapitalismus fremd ist. Und Ihr Handy ist Kapitalismus im Taschenformat. Der Algorithmus ist wie Ihre Mutter? Ich würde sagen, er ist eher wie Ihr Stiefvater, der sich dauernd bei Ihnen einschleimen will.

Sie müssen ständig erreichbar sein?

Sie verwechseln Erreichbarkeit mit Bedeutung. Sie glauben, weil Sie jederzeit erreichbar sind, seien Sie wichtig. Das Gegenteil ist der Fall. Wichtige Menschen sind unerreichbar. Denn Sie wissen: Wenn jemand etwas Wichtiges zu sagen hat, soll er ein Buch schreiben. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, war es nicht wichtig. Was ich Ihnen rate? Beerdigen Sie Ihr Handy feierlich im Garten mit Grabrede und einem kleinen Rosenkranz aus Ladekabeln. Das schaffen Sie nicht? Dann tragen Sie den ganzen Tag Seidenhandschuhe und versuchen Sie, damit zu scrollen. Der resultierende Nervenzusammenbruch ersetzt drei Monate Verhaltenstherapie. Oder lassen Sie sich gleich den Daumen entfernen. Sie verlieren einen Finger, aber gewinnen ein Leben.

So, das macht dann 280 Euro bitte. Zahlen Sie bitte in bar, weil mir ist der Schein auch lieber als das Sein.

Die Autorin: Aida Loos ist mit „Zeitloos“ auf Tour, z. B. am 25. 2. 2026 in der Kulisse Wien.

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