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Andererseits
07/30/2022

Grölen wir uns ins Glück

Joesi Prokopetz über Ballermann-Hits und das Recht auf Ausgelassenheit.

Es gibt jetzt (wieder) einen – Schreibwiderstand stellt sich ein – Ballermann-Hit. Einen, über den einerseits aufgeregt und durchaus betulich berichtet wird, andererseits wiederum gibt er den gerne ausgelassen Feiernden Anlass, den Spaß-Faktor, den er ihnen bringt und auf den sie Anspruch zu haben meinen, nicht müde werdend, zu bemühen. Er – der Hit – wäre sexistisch und so weiter, sagen die einen, stimmt gar nicht, sagen die anderen, ist nur lustig und macht glücklich.

Jede Sekunde Zeit, in eine Deutung dieses Tonstücks zu investieren, ist Verschwendung derselben, dennoch: Das Fatale an solchen Erzeugnissen ist der Gröl-Faktor.

Fatal, weil alles was – meist alkoholinduziert – aufgeschaukelte Feierwillige zum Grölen bringt, da die Melodie so eingängig ist, der Text so leicht von der Zunge geht, nicht ungefährlich ist. Weil Gröl-Refrains die Eigenschaft haben, vor allem, wenn sie kollektiv gegrölt werden, die betreffenden Menschen jede Inhaltlichkeit vergessen lassen.

Das ist immer schon, bei uns besonders in der jüngeren Zeitgeschichte, dazu benutzt worden, um Menschen auf zielgerichtete Botschaften einzuschwören, um sie in glückbringender Gesinnungsgemeinschaft sehenden Auges in die Blindheit, in die Blödheit zu führen.

Burschen, teils in deftiger Tracht, Mädels, teils in ausladenden Dirndln, springen, ekstatisch die Arme in die Höhe reißend, herum und grölen um die Wette.

Der vorgeworfene Sexismus lässt sich bei einer solchen Gröl-Kundgebung nicht ins Treffen führen, „viral“ gegangene Videos und diesbezügliche Interviews führen uns das unmissverständlich vor Augen. Wir haben ein Recht auf Ausgelassenheit, hopp, hopp… einmal geht´s noch… grölen wir uns ins Glück.

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