KOLUMNE
09/23/2018

Genug gewartet

Über den (Un-)Sinn, manche Dinge für den besten Moment aufzuheben

von Anna-Maria Bauer

Auf meinem Kühlschrank steht eine große Flasche Sekt. Das hört sich im ersten Moment nicht sehr sonderbar an. Sie steht da aber schon sehr lange. Und das ist für mich dann doch etwas ungewöhnlich, denn ich trinke sehr gerne ein Glas Sekt und normalerweise werden solche Flaschen bei mir schnell geköpft.

Diese steht aber bereits seit drei Jahren in meiner Küche. Das habe ich am Samstag nachgerechnet, als sie mir bei meinem großen Wohnungsputz – Herbstluft sei Dank! – wieder einmal ins Auge gesprungen ist. Weil die Flasche schon so lange dort steht, sehe ich sie im Alltag nicht mehr.

Ich habe sie am Tag meiner Diplomprüfung von meiner Schwester geschenkt bekommen. Es war ein besonderer Moment für mich und deshalb wollte ich das Konsumieren dieser Sektflasche für einen anderen besonderen Moment aufheben.

Mein Lieblingsteehäferl steht ganz hinten in meinem Geschirrschrank. Es ist immer weiter nach hinten gerutscht, weil ich es nie verwende. In Wahrheit hatte ich bereits vergessen, das ich es besaß, bis ich es beim Wohnungsputz wieder entdeckt habe. Ich finde diese Teetasse mit schwarzem filigranen Schriftzug und Goldrand so schön, dass ich nicht wollte, dass sie so schnell abnützte. Deshalb habe ich mir vorgenommen, nur an speziellen Tagen aus ihr zu trinken.

In meinem Kleidungskasten hängt ganz rechts ein Kleid, an dem immer noch der Preiszettel hängt, obwohl ich es seit einiger Zeit besitze. Ich habe es während einer Berlin-Reise gekauft, es hat einen roten Rock mit weißen Booten, ein blau-weiß gestreiftes Oberteil, und ich habe es in der Früh oft in der Hand, aber dann denke ich mir, heute ist nicht so ein außergewöhnlicher Tag, ich ziehe es dann bald einmal an. Ich habe am Sonntag nachgerechnet, wie lange dieses Kleid schon in meinem Kasten hängt: Es sind acht Jahre.

Am Wochenende habe ich mir dann Tee in dem Lieblingshäferl gemacht, das rot-blaue Kleid für den Brunch am Sonntag angezogen und den Sekt eingekühlt. Genug gewartet.

annamaria.bauer@AnnnaMariaBauer

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