Ein neuer Tag beginnt

Kabarettist Günther Lainer macht sich Gedanken über die Wahrhaftigkeit von Horoskopen.
Günther Lainer

Wie ein Tag wird, weiß man erst später. Meistens nämlich dann, wenn er schon fast vorbei ist und sich denkt: Das war also dieser Tag. Wie ein Tag beginnt, ist dagegen klar: mit dem Aufstehen. Unvermeidlich. Immer. Aber was macht man eigentlich als Erstes nach dem Aufstehen? Ein Gebet? Ein Frühstück? Zähneputzen? Grönland annektieren? Oder lesen sie am Anfang des Tages das Horoskop? Ein Beispiel: „Heute fordert Sie das Leben ein wenig heraus. Die Hektik der Großstadt bringt Sie aus dem Gleichgewicht, doch gleichzeitig meistern Sie alle Herausforderungen.“ Ich war an diesem Tag ganz entspannt auf einem Bauernhof im Waldviertel.

„Ihre Sterne haben heute Großes mit Ihnen vor. Mitteilungen aus weiter Ferne kommen ganz überraschend auf Sie zu und bewirken eine Reihe von Veränderungen in ihrem künftigen Alltagsgeschehen.“ Ich habe mir frei genommen und gewartet. Es kam sehr überraschend: nichts. Also war die Vorhersage „überraschend“ richtig.

Oder ein anderes Tageshoroskop: „Kaum zu bremsen! Eigentlich schade, dass gerade niemand um Unterstützung beim Umzug oder Ähnliches bittet. Nutzen Sie dieses Hoch der Vitalkurve!“ Ich lag mit Kehlkopfentzündung im Bett. Fast ohne Stimme. Ich war also in jeder Hinsicht sprachlos, als ich das las.

Meine schönste „Horrorskop-Geschichte“ hatte ich bei meiner Stammtischrunde. Ich stellte allen „Stammtischbrüdern“ ein persönliches Horoskop aus. Was sie nicht wussten, ist, dass alle das gleiche Horoskop bekamen. Sie sollten es bewerten. Die Note 1 stand für „stimmt total“ und 5 war „stimmt absolut nicht“. Von den acht Männern bewerteten sieben das Horoskop mit 1. Nur einer mit 5. Aber das war klar. Er war Schütze und hatte die Meinungsverschiedenheit mit mir von der letzten Stammtischdiskussion noch nicht weggesteckt. Kein Wunder. Stier und Schütze vertragen sich nicht.

Ein Freund ließ sich von einem Astrologen ein persönliches Horoskop erstellen. Das Horoskop erschreckte den Sternendeuter so sehr, dass er fragte, ob er nicht vielleicht an einem anderen Tag geboren worden sei. Mein Freund sagte ihm, dass er sich mit seinem Geburtstag ziemlich sicher sei, obwohl er sich nicht daran erinnern könne und fragte, was denn so schlimm sei. Der Astrologe meinte: „Du wirst sehr, sehr lange leben – aber in deinem Leben passiert rein gar nichts.“ Was gibt es Schöneres, sagte er. Er freut sich auf seinen 150. Geburtstag. Er wird den aber nur im kleinen Kreis feiern.

Morgenrituale

Am Jungscharlager gab es ein Lied: „Ein neuer Tag beginnt, und ich freue mich, und ich freue mich…“ Das haben wir jeden Morgen beim Morgenlob um 7.45 Uhr gesungen. Am letzten Tag war die Freude für den neuen Tag, nach vielen kurzen Nächten, nicht mehr so groß, wie es das Lied vorgab. Das war auch die Zeit, in der ich jeden Morgen nach dem Aufstehen gebetet habe. Das mache ich schon lange nicht mehr. Aber ich habe mir ein neues Ritual vorgenommen: Wenn ich munter werde, bedanke ich mich jeden Tag für den Boden unter meinen Füßen, der mich trägt. Und erst dann stehe ich auf. Man soll den Tag nicht überfordern.

Zum Autor: Günther Lainer ist Kabarettist. Termine unter: www.guentherlainer.at.

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