Kolumnen
01.07.2018

"Bin beim Birner" - "Bin auf der Welt"

U-Bahnstation Alte Donau – Wagramer Straße – An der Oberen Alten Donau – Strandgasthaus Birner: 3600 Schritte

Ich gehe die Obere Alte Donau entlang, links das Wasser, geradeaus der Blick auf den Kahlen- und den Leopoldsberg. Ich nehme zur Kenntnis, dass die Segelschule Hofbauer ein paar neue Terrassen über die Alte Donau gebaut hat, die allesamt gut besetzt sind mit Aperol und Spritzwein trinkenden Feierabendwienern. Ich sehe mit einer Mischung aus Skepsis und Bewunderung, dass die Balance zwischen Immobilienentwicklung und städtischem Beharrungsvermögen zwischen Wagramerstraße und Mühlschüttelpark noch immer gewährleistet ist, aber nicht mehr ganz so triumphal wie noch vor ein paar Jahren, als man an der Alten Donau schon ein Ohrenreiberl verpasst bekam, wenn man nur daran zu denken wagte, hier, mit Blick auf das Wasser und die Maschekseite der Donaucity eine kleine Wohnung zu beziehen.

Damals hieß die Gleichung: Kabane ja, Eigentumswohnung nein. Gemeindebau okay, Luxushütte niemals. Angesichts dieses Immobiliendogmas stehen heute schon ziemlich viele Luxushütten als Ausnahmen am Donauufer, wenn auch die Ausnahmen noch nicht die Regel sind, ich hoffe, dass das so bleibt.

Mein eigentliches Ziel ist ja das Strandgasthaus Birner, wo ich verabredet bin. Aber ich habe noch ein bisschen Zeit. Das Phänomen ist allen Fußgängern vertraut: Liefert man sich nicht den Launen des Straßenverkehrs aus, ist man überpünktlich und kann nachsichtig lächelnd die SMSe der Menschen entgegennehmen, die in Großbuchstaben schreiben: STAU. ICH WERDE WAHNSINNIG! Was für ein Zuwachs an Lebensqualität.

Ich spaziere über den Birnersteig und betrachte das Angelibad. Auf der Lagerwiese Romaplatz ist fortgeschrittener Feierabendbetrieb, ich gehe Am Nordbahndamm, Blick auf den Floridsdorfer Wasserpark, wieder zurück zum Birnerufer, wo die Türme des Paul-Speiser-Hofs meine Aufmerksamkeit wecken. Auf dem Areal, das während der Donauregulierung 1870 bis 1875 aufgeschüttet wurde, hatte lange der Floridsdorfer AC seine Plätze gehabt, weshalb der Gemeindebau auch lang „FAC Bau“ hieß. Der Bau der Wohnhäuser wurde Ende der zwanziger Jahre begonnen. Erst 1948 wurde der Bau nach dem Lehrer und Sozialdemokraten Paul Speiser benannt, dem „großen Freund und Organisator der Werktätigen“, wie es etwas pathetisch auf der Inschrift in der Tordurchfahrt heißt.

Ich bin unverändert beeindruckt von der Ästhetik dieser Generation von Gemeindebauten mit ihren fein gestalteten Fassaden und dem sichtbaren Anspruch auf Weltverbesserung. Auf den Balkonen sitzen plaudernde Menschen im Unterhemd und trinken Bier. Kinder laufen über die Wiesen und kichern. Gegenüber dem FAC Bau befindet sich ein großzügiger Gemeinschaftsgarten, wo gegartelt wird, was heute „Urban Gardening“ heisst, und Bier getrunken, vielleicht sogar Craft Beer. Nur ein Mieter will von der Welt nichts wissen. Er hat seinen Balkon mit mannshohen Schilfmatten blickdicht verkleidet. Nur eine Satelittenschüssel hat Sichtkontakt mit dem Rest der Welt.

Mein Handy vibriert: „Wo bleibst du? BIN BEIM BIRNER.“

Ich schreibe zurück: „BIN AUF DER WELT. Komme gleich.“

christian.seiler@kurier.at