Kolumnen
06/13/2019

Beim Thema Selfies hatte Karl Lagerfeld schon recht

Die Mona Lisa und Justin Biber haben etwas gemeinsam. Ihre Fans wenden ihnen den Rücken zu. Weil sie Selfies machen.

von Simone Hoepke

Es sterben mehr Menschen am Versuch ein Selfie zu machen, als an den Folgen von Haiangriffen.

Das ist eigentlich logisch.

Der moderne Mensch surft im Internet, nicht im Ozean. Den Weißen Hai hat er aus Sicherheitsgründen trotzdem fast ausgerottet. Jetzt kann er sich relativ angstfrei in die Fluten werfen und in Endlosschleife Selfies vom Strandurlaub posten.

Für alle, die die vergangenen 20 Jahre als Eremit in der Wüste oder auf der Rückseite des Mondes verbracht haben: Ein Selfie ist ein „mit der Digitalkamera meist spontan aufgenommenes Selbstporträt“, behauptet der Duden. Und irrt gewaltig.

Spontan geht da gar nichts. Das weiß jeder, der schon einmal einen Blogger live erlebt hat. Zuerst wird inszeniert, dann bis zum Erbrechen posiert. Der Experte tänzelt stets auf Zehenspitzen, streckt ein Bein keck nach vorne, neigt das Köpfchen leicht zur Seite und schaut mit Schmollmund in die Kameralinse des mit der Hand verwachsenen Smartphones. Stundenlang.

Ein Selfie ist „elektronische Masturbation“, hat Karl Lagerfeld gesagt. Ich würde es nicht wagen, ihm zu widersprechen.

Mona Lisa liegt sicher in einem Hügelgrab. Weil sie im Grab rotiert. Neun Millionen Besucher pilgern jedes Jahr in den Louvre, um ihr Antlitz zu sehen. Die meisten stehen dann mit dem Rücken zum Bild. Weil sie Selfies machen. Das typische Schicksal eines Promis im Smartphone-Zeitalter.

Nicht, dass ich etwas gegen Selfies hätte. Gar nicht. Es ist nur so, dass ich auf den Fotos immer ausschaue wie ein Volldepp. Weder Experten-Tipps noch entsprechende Filter helfen.

Aus purem Frust crashe ich Selfie-Sessions von Touristen, die vor Denkmälern posieren. Ich frage, ob ich sie fotografieren soll. Perplexe Gesichter. Jugendliche schauen mich an, wie einen Dinosaurier, der eigentlich längst ausgestorben sein sollte. Vielleicht haben sie auch Angst, dass ich ihr Handy schnappe und damit davon renne.

In Innsbruck gab es einen Handydieb. Er wurde überführt. Mit seinen Selfies, die automatisch in der Cloud des Bestohlenen geschickt wurden.