Kiku
01.08.2018

Zwei Fabel-Bücher, die fabelhaft (mit-)helfen

Wiener Autor veröffentlicht neues Buch mit kurdischen Fabeln. Aus dem Erlös wird ein Bildungszentrum in Kobanê unterstützt.

„Alle wollten sie sehen, wie er es anstellte, die mächtigen, hohen Felsen verschwinden zu lassen. Wie sie alle am Berghang angekommen waren, erhob der Derwisch seine Stimme und schrie so laut wie er vermochte: „Berge! Hinfort mit euch!“ Dann schwieg er eine Weile und schrie noch einmal mit all seiner Kraft: „Berge! Hinfort mit euch!“ Allein das Gebirge bewegte sich nicht. Die Dorfbewohner hielten dem Derwisch vor: „Auf diese Weise kann niemand Berge vertreiben!“ Der Derwisch erwiderte: „Wenn die Berge nicht weg gehen, dann geht der Derwisch weg!“ Er sprach es und verließ das Dorf, und die Berge blieben wo sie waren.“

Das ist ein Auszug aus der Fabeln „Wenn die ‚Berge nicht gehen, wird der Derwisch gehen“. Es ist eine von fast zwei Dutzend Fabeln aus dem kurdischen Kulturkreis – zusammengefasst in dem Buch „Der Adler, der Fuchs und die Wölfe“. Die Hälfte des Verkaufserlöses spendet der in Wien lebende Autor für den Aufbau eines Bildungszentrums in Kobanê, im mehrheitlich kurdischen Gebiet Nordsyriens.

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Märchenerzählen statt Fernsehen

Der seit Jahrzehnen in Wien lebende Ali Mazoudji (59), ein Streitschlichter bei den Wohnpartnern, hatte als Kind in Saholan, einem kleinen Dorf im kurdischen Gebiet des Iran kein Fernsehen, selbst als Radio im Haus seiner Eltern einzog war er schon sechs Jahre. Und es war das erste derartige Gerät im ganzen Dorf – alle strömten ins Haus seiner elterlichen Familie. Dafür war nicht nur sein Vater ein meisterhafter Geschichtenerzähler. In seinem Haus hielten immer wieder andere reisende Märchenerzähler Einkehr, unter anderem der später in ganz Kurdistan sehr berühmte Erzähler und Flötenspieler Qale Mere.

Ali Mazoudji hörte auch als Jugendlicher gern den Erzählungen der Alten zu – und speicherte sie in seinem Kopf. Seit einigen Jahren arbeitet er bei den Wohnpartnern im 15. Wiener Bezirk. Die werden von Wiener Wohnen beispielsweise in Konfliktfällen hinzugezogen. Sie arbeiten aber auch vorbeugend. Initiativen und Gemeinschaftsaktionen in Wohnhäusern werden gefördert, wodurch so manche Reibereien erst gar nicht entstehen oder wenn, dann weniger heftig ausfallen.

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Geschichten können helfen

„Manches Mal sind mir die alten Geschichten auch in meiner Arbeit zu Hilfe gekommen“, erzählt der studierte Politikwissenschafter, Sozialarbeiter und Konfliktmanager sowie „Nebenbei“-Autor dem Kinder-KURIER. „In einem Haus wollte ein Mieter von mir, dass ich ihm eine neue Wohnung besorge, weil er Streit mit seinem Nachbarn hatte. Da ist mir die Fabel „Wenn die Berge nicht gehen, wird der Derwisch gehen“ eingefallen. Die hab ich dem Mann erzählt. Zwei Tage später hat er mich angerufen und gesagt, dass er daraus gelernt hätte. Das Thema war vom Tisch.“

Mazoudji verwendet die mit grundlegenden Weisheiten durchsetzten Fabeln und Geschichten aber nicht nur für seine Arbeit, um Streit zu schlichten. Für dieses Buch hat er – ausgehend von echten, realen eigenen Erlebnissen neue Geschichten geschrieben wie etwa „Eure Träume sind sehr gefährlich“. Beim Schreiben aber hielt er sich an die Art und Weise der alten Fabeln und Märchen

Der Autor hat das Buch „Der Adler, der Fuchs und die Wölfe“ (Edition Sieben) veröffentlicht – mit einem Geleitwort des vormaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer – aber nicht nur veröffentlicht, damit Menschen hier kurdische Geschichten lesen. Er will durch das Buch mithelfen, eine Schule und ein Wohnheim für Waisenkinder in Kobanê zu unterstützen. Die Stadt im Norden Syriens wurde weltweit bekannt, nachdem sie Anfang 2015 wieder aus der IS-Besatzung befreit wurde. „Die Hälfte vom Verkaufspreise (18 €) gebe ich an die „Humanitäre Hilfsorganisation für Kobanê in Österreich“. Die hat vor Ort die Stiftung der Freien Frauen in Rojava (WJAR Weqfa Jina Azad a Rojava) als Partnerorganisation.

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Lernen und leben – für 500 bis 600 Kinder und Jugendliche

Das Projekt nennt sich dort „ein Ort zum Leben und Lernen für die Waisenkinder von Kobanê“ und soll im Endausbau eine Wohnanlage für die Kinder und ihre BetreuerInnen, eine Park- und Gartenanlage mit Spielplatz, einen Kindergarten und eine Schule umfassen. Waisenkinder werden dort leben und, sofern noch Plätze verfügbar sind, sollen auch Kinder aus der Stadt selbst in der Schule und im Kindergarten in der Tagesbetreuung aufgenommen werden. Die Stadtverwaltung hat dem Projekt des Grundstück zur Verfügung gestellt. Teile des Rohbaus stehen schon. In diesem Bildungszentrum sollen am Ende 500 bis 600 Kinder und Jugendliche lernen und teilweise auch leben können.

Für das gesamte Projekt werden die Kosten auf rund 420.000,- Euro geschätzt, noch fehlen rund 192.000 €. Wegen mitunter komplizierter Beschaffungswege bezüglich Baumaterial usw. können sich Abweichungen ergeben. Die benachbarte Türkei hat ein Embargo über die Stadt Kobanê verhängt, sodass über diesen Weg kein Baumaterial in die Stadt geliefert werden kann. An der Finanzierung des Projekts sind einige Organisationen in Europa beteiligt, aus Österreich fließen unter anderem Teile des Verkaufserlöses der Bücher in den Aufbau des Bildungszentrums.

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Nicht zum ersten Mal

Bereits 1992 veröffentlichte Mazoudji ein Buch mit kurdischen Fabeln – „Der Löwe des Daroghas“ – mit Illustrationen von Rêzan im Verlag Niederösterreichisches Pressehaus. Der Verkauf dieses Buches floss damals in die Renovierung einer desolaten Schule in Raniah im kurdischen Teil des Irak.

Infos: Das neue Buch

Autor: Ali Mazoudji
Illustratorin: Sunds Salahaddin Ahmad
Lektorat: Josef Magerl

Der Adler, der Fuchs und die Wölfe – Kurdische Märchen und Fabeln
Ca. 140 Seiten
Edition Sieben
18 €
Bestellungen: ali.mazoudji@chello.at

Infos zum Schulprojekt und dem Buch gibt es hier

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Hintergrund

1982 kam Ali Mazoudji – gemeinsam mit neun anderen iranischen Kurden nach Wien, um hier zu studieren. Er selbst studierte zunächst Politikwissenschaften, später Völkerkunde, danach Sozialarbeit und zuletzt Konfliktmanagement – alles in Wien und zusätzlich ein halbes Studium Demographie und Ökonomie an der Berliner Humboldt-Universität in der damals noch existierenden DDR. Danach arbeitete er in Wien in der Pensionsversicherung als Sachbearbeiter, später bei der Diakonie als Flüchtlingsberater und seit einigen Jahren bei den Wohnpartnern in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus (dem 15. Bezirk).

Nach Wien kamen er und die neun Studienkollegen aufgrund eines Abkommens des damaligen Führers der Demokratischen Partei Kurdistans im Iran, Dr. Ghassemlou mit der österreichischen Regierung Kreisky. Junge Leute aus seiner Heimat wurden hier Weiterbildungsmöglichkeiten eröffnet. Sie sollten später am Aufbau des damals nach der Anti-Schah-Revolution befreiten Iranisch-Kurdistan mitwirken. Die Truppen der islamischen Revolution vernichteten allerdings bis 1985 die demokratische Selbstverwaltung, weshalb eine Rückkehr nicht mehr möglich war. 1989 wurde sogar Ghassemlou und zwei Begleiter von iranischen Vertretern in Wien in eine Falle gelockt. Bei vorgeblichen Friedensverhandlungen mit dem Mullah-Regime auf neutralem Boden wurden die drei kurdischen Vertreter erschossen. Die Mörder durften – ungehindert von österreichischen Behörden – ausreisen.

Zur Stiftung in Kobanê

WJAR Weqfa Jina Azad a Rojava wurde vor zwei Jahren von kurdischen und arabischen Frauen gegründet. Durch Verbesserung der Lebenssituation von Frauen und Kindern vor Ort will die Stiftung verhindern, dass die Menschen von Kobanê und der Umgebung ihre Dörfer und Städte verlassen und sich auf eine gefährliche Reise nach Europa begeben.

WJAR hat bisher schon sechs Kindergärten aufgebaut und plant die Gründung von Kooperativen zum Anbau landwirtschaftlicher Produkte und zur Erzeugung von Milchprodukten sowie den Aufbau von Nähereien.