Schon bei der Hochzeit alles andere als glücklich: Manuela Seidl als Braut mit Bräutigam Rolf, gespielt von Johannes Kemetter

© Rolf Bock

Kiku
03/05/2020

Zähe Befreiung aus tränenreicher Ehe - gewürzt mit Ironie

Brigitte Schwaigers Erfolgsroman „Wie kommt das Salz ins Meer“ erstmals in einer Bühnenfassung mit viel Musik aus der Entstehungszeit, den 70er Jahren.

von Heinz Wagner

Der Vater ein angesehener Arzt in der Kleinstadt. Sie nur die Tochter von. schon glücklich, wenn sie Ohrenschmerzen hatte, denn dann beschäftigte sich der bekannteste, beliebteste Mann der Stadt endlich auch einmal mit ihr. Nicht viel anders die Ehe – nie genügt sie den Ansprüchen von Rolf, den sie heiratet, weil er in Wien wo sie studiert, der einzige ist, der sie kennt.

Szenen einer bürgerlichen Ehe der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Nichts darf die – in Roman und Stück namenlos bleibende und damit auch stellvertretend für viele Frauen stehende – Protagonistin selbst entscheiden. Für alles wird sie getadelt, gedemütigt, runtergemacht. Nicht nur vom Ehemann, mit einem Geliebten erleidet sie praktisch dasselbe Schicksal.

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Ringen um Befreiung

Erst als sie sich dazu durchkämpft, scheiden zu lassen, beginnt sie zu leben. Und zu lieben. Übrigens zunächst den Ex-Mann. Denn jetzt muss sie nicht mehr. Aber nur für einen kurzen Moment.

Soweit die Grundgeschichte von „Wie kommt das Salz ins Meer“ von Brigitte Schwaiger. Debut mit 28 Jahren und überraschender riesiger Erfolg (erstmals erschienen 1977), eine halbe Million Auflage, in mehrere Sprachen übersetzt. Dabei hatten Verlage das Manuskript zunächst ignoriert. Leicht und locker und trotz der Tristesse immer wieder mit Ironie versetzt und Humor gewürzt, fanden sich offenbar viele Frauen in der Grund- oder auch in vielen Einzelgeschichten wieder.

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Stellvertretend für viele Frauen

Rund um den internationalen Frauentag spielt das Theater Forum Schwechat die erste Bühnenfassung (es gab nur eine höchst erfolgreiche Hörspielversion). In die Rolle der Hauptfigur, die nicht wenige autobiographische Züge der Autorin trägt, schlüpft die Theaterintendantin Manuela Seidl selbst.

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Lebensgefühl der 70er

Regisseur Marius Schiener, der die Autorin zu Lebzeiten kannte, weil er u.a. in Einaktern von ihr spielte, wollte, wie er dem Kinder-KURIER erzählte, „neben dem Text selbst auch ein bisschen vom Zeitgefühl der 70er Jahre transportieren“. Das erfolgt vor allem über viel ins Stück eingebaute Musik. Die wird live von Gabor Rivo gespielt – einerseits die schnulzenähnlichen Schlager auf einem Keyboard aus der damaligen Zeit, das er herangekarrt hat – um auch den entsprechenden Sound zu liefern. Die eher Chanson-artigen Lieder spielt der Musiker auf einem Piano.

Dazu hängen im Foyer des Theaters – wie immer – Illustrationen, in dem Fall Kopien von Plattencovern – die reichen von Peter Alexander, Udo Jürgens, Wencke Myhre und Alexandra bis zu Abba, den Beatles, aber auch Kraftwerk.

Für Ironie und Humor sorgt neben den unterschwellig aufmüpfigen Sagern der Protagonistin vor allem Johannes Kemetter in einigen der anderen Rollen außer der des Ehemannes. So agiert er als Liebhaber sehr karikaturenhaft und als dessen Ehefrau Hilde noch viel mehr.

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Hintergrund

Im zweiten Teil werden während eines Ehestreits Inserts eingeblendet, Beschlüsse der damaligen Regierungen Kreisky anzeigen, die große Schritte in Richtung Gleichberechtigung aber auch mehr Chancengerechtigkeit darstellten.

So durften erst mit der Familienrechtsreform Mitte des besagten Jahrzehnts Frauen überhaupt arbeiten ohne ihren Ehemann um Erlaubnis fragen zu müssen. Die bekannte Frauenrechtskämpferin Johanna Dohnal (kürzlich ist ein Kinofilm über sie erschienen) wurde erst am Ende des Dezenniums, 1979 die erste Staatssekretärin für Frauenfragen.

Sowohl Dohnal als auch Schwaiger starben übrigens vor zehn Jahren.

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Zitate der Mitwirkenden zum Stück und zur Zeit

(aus dem Programmblatt des Theaters, in dem die Mitwirkenden auch über ihre musikalischen Vorlieben der 70er Jahre reden)

Die Show „zeigt das Frauenbild in den 70igern, auch speziell im familiären Bereich und dass die Emanzipation in den letzten Jahren mit Riesenschritten vorangegangen ist - dank vieler starker Frauen!“, findet Manuela Seidl, Darstellerin der Protagonistin des Stücks und künstlerische Leiterin des Theaters.

„Das Salzige an diesem Theaterstück soll uns noch lange nach dem Theaterbesuch auf unserer Haut brennen“, sagte der Live-Musiker Gabor Rivo im Programm-Heftchen.

Regisseur und Autor der Bühnenfassung, Marius Schiener über die Aktualität des Stücks: „Weil das Rollenbild in vielen Ehen heute leider genauso veraltet ist wie im Roman und er Mut macht zu Humor, zum Hinterfragen unserer Welt und zum Ausbrechen aus unbefriedigenden und unterdrückenden Verhältnissen.“

Der Roman und das Stück zeigen „eine Frau, die hinterfragt und Fragen stellt, die für andere unangenehm sind und die sich andere nicht stellen wollen. In diesem Sinne ist es zeitlos und auch übermorgen noch aktuell“, meint Johannes Kemetter, der sowohl Rolf, den Ehemann, aber auch Albert den Liebhaber, dessen Frau Hilde und noch weiter Rollen spielt. Die Show hält er für einen „schwungvollen, aufrüttelnden, komischen und nachdenklichen persönlichen Rückblick in die 70er Jahre“.

Wie kommt das Salz ins Meer
Dramatisierung des bekannten österreichischen Romans von Brigitte Schwaiger
Eigenproduktion Theater Forum Schwechat

Dramatisierung, Regie und Bühne: Marius Schiener

Es spielen: Manuela Seidl und Johannes Kemetter

Musikalische Leitung und Live Keyboard und -Klavier Gabor Rivo
Technische Leitung Andreas Rüh
Kostüm Nora Scheidl
Regieassistenz Alexander Riff

Wann & wo?
Bis 19. März 2020
Theater Forum Schwechat
2320, Ehrenbrunngasse 24
Telefon: (01) 707 82 72
eMail: theater@forumschwechat.com

Forumschwechat -> Wie kommt das Salz ins Meer

Events.at -> Wie kommt das Salz ins Meer

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Brigitte Schwaiger
Wie kommt das Salz ins Meer
136 Seiten
Haymon Verlag
Taschenbuch: 9,95 €

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