Kiku
20.05.2018

Wenn die „schöne neue Welt“ ärger ist als die alte hässliche

Junges Ensemble distrACT spielt Aldous Huxleys fast 90 Jahre alten Klassiker im Wiener Off-Theater.

Alles fein säuberlich weiß. Und doch vermittelt die Reinheit vom ersten Augenblick an ein großes Unbehagen neben der klinisch wirkenden Sterilität: Balken kreuz und quer, die zumindest die Basis-Ebene des Gestells, das die Bühne dominiert, eher an eine Art Gefängnis erinnern lassen. Die Geschichte sowieso. Aldous Huxleys 1932 veröffentlichte Anti-Utopie (seit einigen Jahren stets als Dystopie en vogue geworden) „Schöne neue Welt“ (Brave new world) wird derzeit von der jungen Theatergruppe distrACT (ablenken) im Wiener OFF-Theater gespielt.

Handlung und sogar Figurennamen orientieren sich am übersetzten Original. Und damit auch die Quintessenz: Alle Utopien sind mehr oder minder für’n A... Des Autors Griff zu Namen wie Marx oder Lenina dürfte 15 Jahre nach der Oktoberrevolution mit dem Aufbau eines vorgeblichen Sozialismus nicht zufällig gewesen sein. Aber auch die automatisierte Fließbandproduktion der USA – verbunden mit dem Namen Henry Ford – der sogar zum Zeitbezug wird (im Jahre 632 Anno Fordii/After Ford) wie überhaupt die maschinelle Fertigung auch der Menschen wird aufs Korn genommen.

Brot & Spiele

Als Ausgleich für eine Gesellschaft ohne Krankheit und ohne Krieg müssten alle – auch im Geist – normiert werden – so die Maxime des Handelns der obersten Controller. Sozusagen mit Brot, Spielen, Sex und aufhellenden Drogen werden die Untertanen ruhig und glücklich gehalten. Erschreckend aktuell wirkt – weit über den seinerzeitigen Geschichtsbezug – so manches im Spiel des jungen Ensembles mit einem älteren Gastspieler.

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Die Wilden

Natürlich muss es zur Dramaturgie eines Stückes gehörend auch Widerstand geben. Der kommt von den auch schon in ihren Namen manifestierten „Wilden“ – vor allem John Savage (kämpferisch entrückt Marius Zernatto), der noch dazu eine echte Mutter, Linda (ziemlich leidend Elisabeth Pink), hat, also nicht aus einer Flasche im Brut- und Aufzuchtzentrum entkorkt wurde. Auch auf der Hand liegend: die eine oder der andere aus der angepassten Population muss Gefallen an den Wilden finden, sich Gedanken machen und sogar heftige Gefühle entwickeln wollen, etwa Lenina Crowne (recht offenherzig Magdalena Mikesch). Dass sich die (Gotts-)obersten oft zynisch zu ihren eigenen Regeln verhalten, bringt Alexander E. Fennon als Mustafa Mond, schön zum Ausdruck.

Das glaubhaft und fast stets nachvollziehbar gespielte Stück hält sich auch am Schluss ans Original, das brutal und bitter endet – nicht nur für die pervertierte utopische Gesellschaft, sondern auch für den aus dem Diesseits kommenden „Wilden“, der sich für Freiheit, Unvollkommenheit, Kunst und Religion entscheidet und doch das starke Gefühl nicht auszuhalten scheint.

Ob ein Weg- und Offenlassen des Endes ein wenig Hoffnung vermittelt hätte? Oder vielleicht der Unmut über den Schluss Energie freischaufelt, doch einen Ausweg aus der unvollkommenen Realität zu suchen, der nicht in einer vermeintlichen Utopie endet, die zur Dystopie wird?

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INFOS. Was? Wer? Wann? Wo?

Schöne Neue Welt
von Aldous Huxley
Bearbeitet von Robert Koall
Ensemble DistrACT
ca. 1 ¾ Stunden

Regie/Lichtdesign: Tobias Schilling

Schauspieler_innen:
John Savage: Marius Zernatto
Linda Savage, seine Mutter: Elisabeth Pink
Lenina Crowne: Magdalena Mikesch
Bernhard Marx: Sebastian von Malfèr
Mustafa Mond: Alexander E. Fennon
Helmholtz Watson: Adel Karisik
Fanny Crowne: Julia Sailer
Henry Foster: Raoul Rettberg
Ensemble: Ana-Maria Kunz, Patrick Molnar, Alduin Gazquez

Bühnenbild: Tobias Schilling, Marius Zernetto, Magdalena Mikesch
Kostüme: Melanie Dedlmar
Maske: Lisa Sigismondi
Musik: Christian Brandauer
Gesamtleitung: Tobias Schilling, Marius Zernatto, Magdalena Mikesch
Licht & Technik: Markus Klocker

Aufführungsrechte bei Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG, Berlin

Wann & wo?
1. bis 8. Juni 2018
OFF Theater Wien
1070, Kirchengasse 41
Karten: info.distract@gmail.com

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