Szenenfoto aus "Die Physiker", gespielt vom inklusiven Theater Delphin

© Walter Pamberg

Kiku
04/27/2019

Was ist normal und was irre?

Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ in einer mit Musik angereicherten Version des inklusiven Theaters Delphin mit Frauen in Männerrollen und umgekehrt.

Die schrägen Rauminstallationen, die als erstes auffallen - von der Decke hängende Stühle und Stehlampen - knüpfen an eine Szene im Original von Friedrich Dürrenmatt an. Der berühmte Wissenschafter Möbius setzt sich bei Besuch seiner Familie, die er nicht kennen will, in einen umgedrehten Tisch.

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Physiker*innen

Derzeit im Theater Spielraum und in einem Monat im Dschungel Wien spielt das inklusive Theater Delphin mit einer seiner Gruppen den Klassiker des schon genannten Dramatikers „Die Physiker“. In einem Konzept nannte die Gruppe ihre mit Musik angereicherte Version des Stücks über Verantwortung von Wissenschaft und die Frage, wo sind die Verrückten und wo die „Normalen“ noch „Die Physikerinnen“.

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Rollentausch

Sowohl Einstein und Newton - als die sich zwei Agenten verfeindeter Geheimdienste (das Stück wurde 1961 im „Kalten Krieg“ uraufgeführt) - als auch Möbius werden in dieser Fassung von drei Frauen, die ärztliche Leiterin von einem Mann gespielt. Auch Möbius Ex-Ehefrau wird von einem Mann, ihr neuer Ehemann von einer Frau gespielt.

Der Geschlechtertausch in den Rollen verändert jedoch das Original nicht. Die Darstellerinnen der männlichen Hauptfiguren ermorden dennoch die drei Krankenschwestern, die jeweils drauf und dran sind, sie zu enttarnen. Und der Mann in der Rolle der ärztlichen Leiterin, pendelt am Ende wie in Dürrenmatts Fassung zwischen verrückt und skrupellos. Wobei das Pendel eher in Richtung vom letztgenannten Antrieb ausschlägt.

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Musik

Die teils live, aber auch die großteils voraufgenommen gespielte Musik, die immer wieder auch „irre“ Stimmungen spürbar werden lässt, unterstreicht bzw. konterkariert Szenen des Klassikers. Möbius, der Angst davor hat, seine „Weltformel“ könnte missbraucht werden, hat sich ins „Irrenhaus“ geflüchtet. Die Geheimdienste sandten Agenten, die sich als verrückt gewordene Wissenschafter - Einstein bzw. Newton - ausgeben, um Möbius und sein Wissen jeweils für sich und ihre Seite zu gewinnen.

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Gesellschaftliche Fragen

Neben der Frage der Verantwortung von Wissenschaft, thematisiert das Stück natürlich auch gesellschaftliche Wertvorstellungen. Darf oder muss ein Mord auch so genannt werden? Wann ist jemand verrückt und wann nicht? Was ist Liebe und wann wird sie nur zum Besitz- und Machtstreben?

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Viel wichtiger: Die Vorarbeit

Gediegen werden die zweieinhalb Stunden (eine Pause) vom Ensemble über die Bühne gebracht. Die wahrscheinlich viel größere Leistung ist in den Monaten davor, im Probenprozess, erfolgt. Berührungsängste von beiden Seiten - von neu eingestiegenen Profis sowie von Menschen mit Behinderung, die sich ins straffe Konzept eines vorgegebenen Klassikers einfügen mussten - wurden (erfolgreich) abgebaut.

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Die Physiker (Die Physiker*innen)
von Friedrich Dürrenmatt
Musiktheaterprodukion von Theater Delphin Basis 1 - inklusives Theater

 

Johann Wilhelm Möbius: Olivia Pflegerl
Georg Beutler alias Newton: Ivana Vezniková
Ernst Heinrich Ernesti alias Einstein: Myriam Angela
Frl. Dr. Mathilde von Zahnd, leitende Ärztin: Georg Wagner
Richard Voss, Kriminalinspektor: Melanie Grassinger
Blocker, Kriminal-Assistent: Danijel Marinković
Guhl, weiterer Kriminal-Assistent: Stefan Musil
Oberschwester Martha Boll/, Oberpfleger Uwe SieversAlex Spreitzer Campo
Krankenschwester Monika Stettler: Iris Zengerer
Frau Rose, Ex-Ehefrau von Möbius: Simon Löcker
Missionar Rose, neuer Ehemann von Frau Rose, Ex-Möbius: Gabriele Weber
Gerichtsmediziner: Ulrike Munsch
Erzähler: Valentin Schuster
Weiters im Ensemble: Sinah Stamberg, Sonja Adamelis

Regie: Tobias Schilling
Musiktexte, Produktionsleitung: Gabriele Weber
Musik: Scharmien Zandi
künstlerische und technische Leitung, Bühnenbild: Georg Wagner
Regieassistenz, choreografie: Valerie Angermayr
Regiehospitanz: Magdalena Eisl
Mastering: Daniel Schneeberger
Grafik: Eva Seidl
Malerei/Bühnenbild-Assistenz: Myriam Angela

Rechte: Diogenes Verlag

Wann & wo?
Bis 27. April 2019
Theater Spielraum: 1070, Kaiserstraße 46

30. Mai bis 1. Juni 2019
Dschungel Wien: 1070, MuseumsQuartier

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