Phil (Niklas Doddo) und Nicholas (Rafael Haider)

© Rita Newman

Kiku
04/01/2019

Starkes Fundament für die Suche nach sich selbst

„Die Mitte der Welt“ nach Andreas Steinhöfels Jugendroman nun im Theater der Jugend in Wien: Flott, authentisch, jugendlich.

von Heinz Wagner

„Ich bin auf der Suche, nicht auf der Flucht“, sagt Phil gegen Ende des Stücks/Films/Romans in dieser oder anderer Form. Zu dem Zeitpunkt beschließt Phil, sein Zuhause - vorübergehend - zu verlassen. Aufgewachsen ist er in einer Art Mischung aus Märchenschloss, Hexenhaus und Fantasiegebilde bzw. Gedankengebäude, wo er mit seiner Zwillingsschwester Dianne, seiner Mutter Glass, vielen Büchern und einer Puppe Paleiko lebt. alle drei Außenseiter_innen außerhalb einer Klein(st)Stadt, von deren Bürger_innen an den Rand und über diesen hinausgedrängt. Aber - unterschiedlich - stark, sich nicht an die Norm anzupassen, sondern zum eigenen Lebensstil zu stehen.

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Locker, leicht, aber nie seicht

In flotten zwei Stunden spielt sich „Die Mitte der Welt“ nach dem wunderbar poetisch und doch nie zu kompliziert geschriebenen Roman Andreas Steinhöfels (bereits 1998 erschienen) nun als Bühnenfassung (von Werner Sobotka) im Renaissancetheater (das große Haus des Theaters der Jugend in Wien) ab. Locker, leicht und doch nie seicht stellen vor allem Celina Dos Santos als Kat - Freundin von Phil (Niklas Doddo) und Nicholas (Rafael Haider) - aber auch Clara Schulze-Wegener als Dianne authentisch, glaubhaft Jugendliche unterschiedlichen Typs dar.

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Authentische Jugendfiguren

Gibt Dos Santos ein übersprudelndes mitreißendes, phasenweise ulknudelhaftes Energiebündel, so Clara Schulze-Wegener eine sehr verschlossene, fast geheimnisumwitterte, Zwillingsschwester des Protagonisten Phil. Aus dessen Sicht wird schon der Roman erzählt, in der Bühnenfassung wird er - inspiriert von der Verfilmung durch Jakob Moritz Erwa (2016) - zum Erzähler, der sich direkt ans Publikum wendet. Er sucht nicht nur am Ende - seinen - geheimnisumwitterten - Vater, sondern vor allem den ganzen Roman/Film/Stück hindurch nach sich selbst und der Liebe. Er verliebt sich in den Neuen der Klasse, in Nicholas. War das vielleicht 1998 noch fast ein Tabubruch, so wird es heute - zumindest in dieser Bühnenfassung - zu einer Selbstverständlichkeit. allerdings leidet Phil darunter, dass Nicholas offenbar seinen Eltern gegenüber die Beziehung zu verheimlichen scheint. Noch mehr schmerzt, ja kränkt ihn, dass er sich komplett öffnet, sich verletzbar macht, er aber nicht genau zu wissen scheint, woran er mit Nicholas ist, weil der sich zwar leidenschaftlich hingibt, aber emotional wie ein Muschel verschlossen bleibt. Und sich obendrein mit Kat vergnügt - was Phil als doppelten Betrug - von beiden an ihm empfindet.

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Schräge Mum

Herrlich unkonventionell, offen, schräg Phil und Diannes Mutter Glass (Marianne Thies) mit mehr als einem Schuss Selbstironie. Die Alleinerzieherin, die - mit den Zwillingen schwanger - aus den USA vor der Liebe des Mannes/Vaters ihrer Kinder nach Europa abhaute, setzt sich über alle spießigen Normen hinweg - nicht nur immer zur Freude ihrer Kinder. Allerdings vermittelt sie ihnen ein derartig starkes Fundament an nicht überstülpender, sondern Freiheit und Freiraum gewährender Liebe, dass die - allen Widernissen zum Trotz - ihre eigenen Wege zu gehen, oft auch laufen lernen. Und eben den eigenen Weg zu suchen, und nicht in ausgetretenen Pfaden zu trampeln.

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Wandlungsfähig

Als sehr wandlungsfähig erweist sich Sophie Aujesky als einerseits hart, aber herzlich, offene, ehrliche Pascal, Lebenspartnerin von Tereza (Simone Kabst), die für Phil und Dianne vor allem in deren Kindheit - immer wieder kommt es zu Live-Rückblendungen - so etwas wie eine mütterliche Tante war/ist. Daneben spielt sie noch eine eher verschlossene Bibliothekarin sowie eine besorgte Helikoptermutter aus der spießbürgerlichen Kleinstadt. Wie überhaupt die Frauen, auch wenn sie sich das Maul über die unkonventionelle Glass zerreißen, doch liebend gern ihr Herz bei Diannes und Phils Mutter ausschütten, wenn sie von ihren Ehemännern betrogen oder unterdrückt werden.

Bleibt noch Frank Engelhardt zu nennen, der in die Rollen eines Polizisten sowie Michaels schlüpft, der eine längere/größere Rolle in Glass‘ Leben zu spielen beginnt.

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Viel Humor

Die kurzweilige, durch Wort- und Spielwitz mit vielen Lachern belohnte Fassung, bringt nicht nur die Stimmung des Romans auf die Bühne, sondern erweckt auch viele Zitate aus diesem zum Leben. Die Anklänge an die antike griechische Mythologie bzw. Inspiration des Roman-Autors aus dieser - schwingt auf der Bühne hin und wieder mit bzw. schwebt über mancher Szene, wird explizit aber im Programmfolder angesprochen.

Eine Szene allerdings, das sei angemerkt, wirkt doch - mehr als ein wenig - befremdlich: Glass‘ Fehlgeburt mit scheinbar Unmengen von Kunstblut - und doch nicht einmal voller Konzentration auf ihr Schicksal ;(

Niklas Doddo als Phil

Rafael Haider als Nicholas

Rafael Haider als Nicholas, Niklas Doddo als Phil, Celina Dos Santos als Kat

Clara Schulze-Wegener als Dianne, Niklas Doddo als Phil

Celina Dos Santos als Kat, Niklas Doddo als Phil

Niklas Doddo als Phil, Marianne Thies als Glass, Frank Engelhardt als Michael

Rafael Haider als Nicholas

Niklas Doddo als Phil, Rafael Haider als Nicholas

Rafael Haider als Nicholas, Niklas Doddo als Phil

Niklas Doddo als Phil, Clara Schulze-Wegener als Dianne

Rafael Haider als Nicholas, Sophie Aujesky als Frau Hebeler, Niklas Doddo als Phil

Rafael Haider als Nicholas, Niklas Doddo als Phil

Sophie Aujesky als Pascal, Niklas Doddo als Phil, Simone Kabst als Tereza

Marianne Thies als Glass, Niklas Doddo als Phil

Niklas Doddo als Phil, Celina Dos Santos als Kat

Niklas Doddo als Phil, Ensemble

Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Die Mitte der Welt
Theater der Jugend
von Andreas Steinhöfel
in einer Fassung von Werner Sobotka
Ab 13 J; ca. 2 Stunden

Besetzung:
Phil: Niklas Doddo
Glass, seine Mutter: Marianne Thies
Dianne, seine Zwillingsschwester: Clara Schulze-Wegener
Kat, seine beste Freundin: Celina Dos Santos
Nicholas, der Neue: Rafael Haider
Tereza, Glass' beste Freundin: Simone Kabst
Pascal, ihre Partnerin / eine besorgte Mutter / Frau Hebeler, Bibliothekarin: Sophie Aujesky
Michael / Polizist: Frank Engelhardt

Regie: Werner Sobotka
Bühne: Judith Leikauf und Karl Fehringer
Kostüme: Elisabeth Gressel
Videoanimationen: Schorsch Feierfeil
Licht: Christian Holemy
Dramaturgie: Sebastian von Lagiewski
Assistenz und Inspizienz: Simone Tomas
Hospitanz: Simon Löcker

Aufführungsrechte: Verlag für Kindertheater Weitendorf GmbH

Wann & wo?
Bis 30. April 2019
Renaissancetheater: 1070, Neubaugasse 36
Telefon: (01) 52110-0
Theater der Jugend Wien

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Das Buch

Der Roman Die Mitte der Welt, der dem Film als Vorlage diente und 1998 veröffentlicht wurde, entwickelte sich zum beliebten Jugendbuch. Er wurde unter anderem 1999 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und im gleichen Jahr mit dem Buxtehuder Bullen ausgezeichnet. Im Jahr 2000 erhielt der Roman den Preis der Jury der Jungen Leser, Wien. Zudem schaffte es der Roman als erstes deutsches Kinderbuch auf die Spiegel-Bestsellerliste.

Andreas Steinhöfel
Die Mitte der Welt
eBook (ePUB): 9,99 €
Taschenbuch: 10,30 €
Hörbuch: ab 13,95 €