Kiku
03/04/2019

Sie, er, ich – reicht nicht einfach Mensch sein?

„She He Me“ von Amahl Khouri derzeit im Wiener Theater Kosmos stellt Geschlechteridentität anhand dreier Personen in Frage.

Aus einem riesigen Berg von Kuscheltieren wühlen sich vor einem in den Hintergrund projizierten Sternenhimmel einige Minuten nach Beginn des Stücks „She He Me“ drei Figuren heraus. Völlig miteinander verbunden scheinen sie ein einziges gemeinsames Wesen zu sein. Aus dem Off ertönt eine utopische Geschichte: Am Anfang waren Menschen rund mit je vier Händen und Füßen, … Erst später machte Göttervater Zeus aus diesen Wesen jeweils zwei – Mann und Frau, die aufrecht gingen, aber einander in Sehnsucht nach dem abhanden gekommenen Teil verzehren, sich nur halb fühlen.

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In Frage stellen

Wie schon der Titel nahe legt, geht es um Geschlechteridentität. Schon zu Beginn ist klar, dieses Stück von Amahl Khouri (jordanisch*e Autor*in und Theatermacher*in) stellt die gesellschaftlich erzwungenen Stereotypen sowohl was Geschlechter als auch Sexualität betrifft in Frage. Alev Irmak, Josef Mohamed und Sandra Selimović spielen die von Amahl zusammengetragenen Geschichten (Regie: Paul Spittler, Choreografie: Jasmin Avissar) dreier realer Menschen: Randa, Omar und Rok.

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Drei Lebensgeschichten

Erstere outete sich in Algerien als eine der ersten Trans*Frauen, wurde Aktivistin der LGTBIQ (lesbisch, schwul, transsexuell, bisexuell, transgender, intersexuell, queer)-Community. Als solche wurde sie/er nicht nur von außen, sondern auch von der eigenen Familie niedergemacht, musste, um nicht getötet zu werden, fliehen – zuerst nach Beirut und später nach Schweden, wo sie sogar Stadträtin wurde.

Nicht viel anders ergeht es Rok – nur auf dem umgekehrten Weg – von der Frau zum Mann. Und Omar, Künstler*in in Jordanien, der/die radikal das Konzept von Zuordnung zu Frau oder Mann in Frage stellt und ablehnt. Wozu soll's denn das brauchen, sind (oder sollten) wir nicht alle einfach Menschen (sein)?!

In den rund 5/4 Stunden schlüpfen die drei Darsteller_innen aber nicht nur in die Rollen der drei Protagonist_innen, sondern immer wieder auch in die anderer Beteiligter und spielen damit nicht nur Opfer, sondern immer wieder auch Täter_innen. Und trotz des ernsten Themas fehlen auch nicht humorvolle Szenen.

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Intensive Recherche

Amahl Khouri hatte im Vorfeld 14 ausführliche Interviews mit Menschen geführt, die Rollen- und Geschlechter-Schubladen – nicht nur – für sich in Frage stellen und daraus diese drei Personen herausgenommen. Aus ihren Geschichten wird in einer Art Collage aus Bruchstücken der jeweiligen Biographie live auf, zwischen und mit den Kuscheltieren gespielt. Manchmal erfolgen Video-Einspielungen – etwa wenn Randa im Gefängnis sitzt und gegen Ende werden Videos der drei echten Menschen eingespielt.

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Leider nicht unaktuell

Sollte doch – in unseren Breitengraden – alles gar kein Thema sein, wo doch im Vorjahr höchstgerichtlich das dritte Geschlecht anerkannt wurde, oder?

Nun, brutale Verfolgung, Gefängnis, Ausgrenzung, der homosexuelle oder transgender Menschen in vielen Ländern massiv ausgesetzt sind, wurde zwar sicher in vielen Ländern Europas eingedämmt, aber erst jüngst fiel auf: Die deutsche CDU-Vorsitzende und möglicherweise künftige Kanzlerin Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) konnte bei einer Faschings- (Karnevals)-Veranstaltung („Stockacher Narrengericht“) jenseitige Witze übers dritte Geschlecht machen, ohne dass auch nur irgendwer gleich reagiert hätte – Kritik im Netz gab's erst viele Tage später.

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30 Jahre

Und noch krasser: Obwohl vor fast 30 Jahren die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten gestrichen hat (1990), machte erst kürzlich in Deutschland ein fast 30-Jähriger öffentlich, dass er in seiner Jugend von Priestern unter Druck gesetzt wurde, sich einer psychisch gewaltsamen „Umpolung“ zu unterziehen. Auch der erst vor kurzem in heimischen Kinos gestartete Film „Der verlorene Sohn“ schildert das auf einer wahren Geschichte basierende Martyrium eines jungen US-Amerikaners, Sohn eines Predigers, der umgepolt werden sollte.

Und in Österreich ist erst vor ein paar Monaten aufgeflogen, dass ein Verein, der in Schulen Sexualpädagogik-Seminare anbietet, Homosexualität als Krankheit bezeichnet.

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

SHE HE ME
von Amahl Khouri

Regie & Bühne: Paul Spittler
Choreografie: Jasmin Avissar
Mit: Alev Irmak, Josef Mohamed, Sandra Selimović

Dramaturgie & Regieassistenz: Mascha-Maria Mölkner
Kostüm: Mael Blau
Musik: Johannes Kerschbaummayr
Video: Oliver Stotz
Regiehospitanz: Nitin Bharosa

Bis 16. März 2019
KOSMOS Theater: 1070, Siebensterngasse 42
Telefon: (01) 523 12 26
www.kosmostheater.at

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