Bernadette Sarman bei der Probe am Vortag

┬ę Heinz Wagner

Kiku

Mein Kopf wird euch auch nicht retten

Text von Bernadette Sarman (17) ausgehend von der Biographie des Nazi-Opfers Ida Strohmer

05/04/2018, 11:50 AM

Durch das verschmierte Glas beobachtet sie, wie die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bergen herausbrechen. Langsam f├Ąrben sich die Wolken am Himmel ros├ę-farben und malen
die Bergspitzen lila. Sie w├╝nscht sich, sie k├Ânnte die Sonne nicht nur in der Distanz l├Ącheln sehen, w├╝nscht sich, sie k├Ânnte sie auf ihrer Haut sp├╝ren, im Gras liegend, in Freiheit.
Ihr Kopf wird schwer, alles dreht sich und sie schlie├čt die Augen. Vielleicht bleibt die Welt so schneller stehen. Der eine Satz taucht in ihren Gedanken auf. Mein Kopf wird euch auch nicht
retten.
Sie erinnert sich gut an den Moment, als sie den Brief las. Schwarz waren nicht nur die Buchstaben auf dem verblichenen Papier. Schwarz war der Inhalt selbst, der seine Finger um
ihr Herz schloss. Immer und immer wieder von neuem las sie ihn, glauben wollte sie es trotzdem nicht.
Der Oberstaatsanwalt beim Landesgericht Wien teilt mit: Das Todesurteil wurde an den Verurteilten Franz Strohmer am 19.November 1943 in der Zeit von 18 Uhr 9 Minuten bis 18
Uhr 17 Minuten vollstreckt. Die Vollstreckung verlief ohne Besonderheiten und dauerte wenige Sekunden.
Nat├╝rlich h├Ątte sie damit rechnen m├╝ssen. Was h├Ątte man anderes von einer Zeit erwarten k├Ânnen, in der Gewalt Routine und verdrehte Ansichten die Norm waren. Aber in dem
Augenblick war ihr das gleich. In dem Moment, als ihre Augen hastig ├╝ber das Papier flogen, h├Ârte sie nur seine Stimme im Kopf, die nie wieder ihren Namen wie einen Ausdruck des
Gl├╝cks aussprechen w├╝rde, wie er es immer getan hatte. Ida.
Das Papier, das damals stumm vor ihr auf dem Schreibtisch lag, war nicht das Ende, das wusste sie sofort. Es war eine Weggabelung, die sie vor die Wahl stellte, aufzugeben und
unterzutauchen // oder f├╝r das weiterzuk├Ąmpfen, woran ihr Mann bis zum Tod geglaubt hat Sie w├Ąhlte Letzteres.
Und nun ist sie hier.
ÔÇ×Mein Kopf wird euch auch nicht rettenÔÇť, rief er bei seiner Hinrichtung und behielt selbst beim Sterben Recht. Sie k├Ânnen nicht mehr gerettet werden, sie sind blind in ihrem
Wahnsinn, das sah sie auf den ersten Blick.
Sie sah, wie hier die Gef├╝hle ihrer Mitmenschen abstarben und ihr Wille gebrochen wurde, und doch bleibt sie bis jetzt bei all ihren ├ťberzeugungen. Eine Kraft herrscht in ihr, die sie
sich nur mit dem ├ťberlebenswillen erkl├Ąren konnte. F├╝r ihre Tochter. F├╝r ihr Leben.
Ihre Lider flattern wie zwei gebrochene Fl├╝gel, als sie die Augen ├Âffnet. Die Welt ist stehengeblieben. Die Sonne malt weiter Pastellfarben in den Himmel.
Ihr Mann schrieb in den letzten Briefen, dass die Sch├Ânheit und der Wert des Lebens nicht in der L├Ąnge des Daseins liegen, sondern in seinem Reichtum; und den hat er empfunden.
Sie ist gl├╝cklich, das Gleiche sagen zu k├Ânnen.

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