Kiku
04.05.2018

KZ: Der Ort schlechthin, wo Persönlichkeit ausgetrieben wurde

Text von Oliver Wittich, basierend auf der Biographie des Naziopfers Heinrich Habitz, der/die sich Liddy Bacroff nannte.

Mauthausen Transe

Es gibt wenige Persönlichkeiten, wenige echte Ladys. Die meisten sind Langweiler, Stümper, Schäfchen. Aus der Masse stechen ist einfach, vor allem wenn alle gleich sind, gleich sein sollen, geeint. Aber das totalitäre System hat nur Platz für die Norm, nicht für Persönlichkeiten.
Das KZ ist der Ort schlechthin, um jemandem Persönlichkeit auszutreiben. Hier tragen alle das gleiche. Alle haben die gleiche Frisur, nämlich keine. Alle haben die gleichen Fetzen an, die gleichen schlechten Schuhe. Alle sind gleich. Bis auf den Winkel. In diesem Fall ist es ein grüner, es hätte auch einer in Rosa sein können, wenn sie nicht aufmüpfig gewesen wäre. Der Winkel. Sie wollen also doch, dass man den einen vom anderen unterscheiden kann, sie wollen doch, dass man erkannt wird, durch seine Schuld definiert, bloßgestellt für sein Vergehen.
Aber was genau war das Vergehen? Was wurde verbrochen? War es Prostitution? Nein, Soldaten brauchen Prostituierte, das war immer schon so, vom antiken Rom bis heute. Wenn man’s genau bedenkt ist die Transe sogar besser als die Hure, da wird wenigstens der arische Genpool nicht verunreinigt. Besser der stramme Arier hat Sex mit einer Transe als mit einer jüdischen Hure. War es Täuschung? Viele der Verehrer wussten angeblich nicht, mit wem sie es da zu tun hatten, dass die da keine Frau war. Und warum auch nicht, die bezaubernde Liddy hat ihnen einfach den Kopf verdreht.
Diese Wallungen können schon verwirren. Mann, Frau, was ist das schon, wenn man sich gerade verliebt hat? War es Raub? Wurde das Sperma deutscher Männer gestohlen, den deutschen Eizellen gestohlen? Wurde ein deutscher Knabe dem Reich entrissen? Wurde den Kanonen das Futter vorenthalten? Wahrscheinlich.
Vielleich war es aber auch anders, vielleicht war es eine Quarantäne. Die Welt musste beschützt werden, vor einer fiktiven Krankheit, vor Symptomen, die nicht von Krankheit, sondern von Charakter zeugen. Die Transe ist krank, da kann sie wollen, was sie will, die Wahl wurde ihr abgenommen.
Heute geht es den Transvestiten und Dragqueens besser, sie sind nicht mehr ganz so krank, sie erholen sich. Die Gesellschaft erholt sich. Sie waren nie krank, es ging ihnen nie schlecht, sie wurden nur schlecht behandelt.
Ins Gefängnis kommen, ins KZ kommen heißt eingeschlossen werden, eingeschlossen werden um ausgeschlossen zu werden, aus der Gesellschaft entfernt werden. Als Transvestit ist man auch heute noch nicht von allen akzeptiert, manchen unangenehm. Damals war man von so gut wie niemandem akzeptiert. Man war ausgeschlossen unter den Ausgeschlossenen, verhasst unter den Verhassten, verstoßen unter den Verstoßenen.
Von Gefängnis zu Gefängnis, dazwischen ein Moment des Aufatmens, das Unausweichliche so lange wie möglich hinauszögern. Ein Leben zwischen Freiheit und Gefängnissen, die feindseligen Augen immer im Nacken. Sie finden einen immer. Doch diesmal ist es anders. Dieses Mal ist das letzte Mal. Dieses Mal geht es nicht ums Wegsperren. Dieses Mal geht es um Vernichtung.