Kiku
30.05.2018

Fantasie gibt Kraft für die Realität

Szenenfoto aus "Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe": Schweighofer als Becky, Waldherr als Sara, Stadtmann als Ermengard… © Bild: Rita Newman

„Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe“ nach Frances Hodgson Burnett in einer Version des Theaters der Jugend in Wien.

Mutter früh gestorben, Vater reich, muss aber die Tochter verlassen – in der Stückversion, weil er in den Krieg muss. Er gib sie in ein Internat mit gutem Ruf. Dort herrscht allerdings Unterdrückung. Sie hat nur den Vorteil, dass der Vater viel fürs Internat bezahlt und sie nicht ganz so schlecht behandelt wird. Vater stirbt, das Vermögen ist weg – in der Stückversion (im Roman finden die Nachlassverwalter nur die Tochter nicht so bald). Die böse Internatsleiterin erniedrigt das Mädchen, lässt sie als – unbezahltes – Dienstmädchen arbeiten. Am Ende siegt doch die Gerechtigkeit. So weit die Kürzestfassung von „Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe“, das seit kurzem – bis fast Ende Juni – im Renaissancetheater, läuft.

Szenenfoto aus "Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe":
Szenenfoto aus "Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe": Barbara Gassner als Miss Minchin, Claudia Waldherr als Sara Crewe… © Bild: Rita Newman

Geschichtenerzählerin

Im Zentrum der kurzweiligen zweistündigen Aufführung steht Saras Kunst, Geschichten so erzählen zu können, dass sie schon nach wenigen Worten alle in ihren Bann zieht – und sich selbst aus trauriger Stimmung. Damit gewinnt sie rasch Freundinnen in dem freudlosen Internat. Claudia Waldherr schafft das spielend. Besonders verspielt ist Ivana Nikolić als Lottie. Rebekka Reinholz als bis dahin reichste und damit bei der Schulleiterin beliebtestes Mädchen Lavinia bleibt lange Zeit eine fast giftige Gegenspielerin, macht aber als eine der wenigen Figuren eine Wandlung durch, sogar die stärkste.

Sara bleibt sich ja treu, wenngleich sie auch erst als ganz Arme draufkommt, dass sie das Internats-Dienstmädchen Becky (wunderbar herzlich: Soffi Schweighofer) in der privilegierten Zeit nicht einmal nach ihrem Namen gefragt hatte. Miss Amelia, Schwester der Herrscherin Minchin, versucht zwar immer wieder Herz zu zeigen, mutig wird sie aber erst am Ende, als die Mädchen schon lange sich gemeinsam gegen die Internatsleiterin wehren. Die hat in den zwei Stunden nicht einen einzigen Moment, wo sie nicht grundböse ist.

Szenenfoto aus "Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe":
Szenenfoto aus "Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe": © Bild: Rita Newman

Ein Raum – viele Orte

Folgerichtig zur Erzählkunst, die selbst die tristeste Situation – als Sara ganz am Boden ist – erhellt, spielt sich das ganze Stück im selben Raum ab. Nur durch verschieben einiger Kisten, fallweise Öffnen der einen oder anderen Klappe oder dem Runterreißen der feinen Vorhänge verändert er sich vom noblen Zimmer zur Dachkammer, zum Schiff, dem Büro der Chefin...

Ein Loblied der Kraft der Fantasie. Diese hält Sara aufrecht, lässt sie durchhalten für ihren sanften, aber konsequenten Kampf nach Gerechtigkeit.

Szenenfoto aus "Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe":
Szenenfoto aus "Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe": Soffi Schweighofer als Becky, Claudia Waldherr als Sara Crewe © Bild: Rita Newman

Aus dem Leben der Autorin

Mehr oder minder verarbeitet die Autorin der Romanvorlage, Frances Hodgson Burnett, für das jüngste Stück im Theater der Jugend in Wien ihre eigene Geschichte. Als Tochter wohlhabender Eltern, verarmte die Familie nach dem frühen Tod des Vaters, wanderte in die USA aus. Der Onkel, der sie dort aufnahm, verarmte, konnte sie nicht mehr unterstützen... Was der Autorin als Kind geholfen hatte und ihr später als Erwachsene zu einkommen verhalf, das steckte sie auch in die Hauptfigur dieser Geschichte: Geschichten erzählen und sich ausdenken. Das rettete das seelische Überleben der jungen Frances. Und das von Sara.

Sara, die kleine Prinzessin“, heißt der (übersetzte) Roman von Frances Hodgson Burnett, auf dem das Stück aufbaut (1905). Fast 20 Jahre davor hatte sie in der Jugendzeitschrift „Saint Nicholas“ schon den Fortsetzungsroman „Sara Crewe oder Was geschah bei Miss Minchin“ veröffentlicht, aus dem sie dann zunächst noch ein Theaterstück machte „Die kleine Prinzessin“

 

Szenenfoto aus "Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe":
Szenenfoto aus "Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe": Reinholz als Lavinia, Engelhardt als Monsieur Dufarge, Nikolic al… © Bild: Rita Newman

Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Die großen Abenteuer der kleinen Sara Crewe
nach Frances Hodgson Burnett
von Jethro Compton
Deutsch von Anna Klein
Theater der Jugend, Wien
Ab 6 J., 2 Stunden

Regie: Jethro Compton

Sara Crewe / Prinzessin: Claudia Waldherr
Miss Minchin, Direktorin / Zauberin: Barbara Gassner
Becky, Dienstmädchen: Soffi Schweighofer
Lavinia Herbert: Rebekka Reinholz
Ermengarde St. John: Katharina Stadtmann
Lottie Leigh: Ivana Nikolić
Captain Ralph Crewe, Saras Vater: Uwe Achilles
Ram Dass: Yodit Tarikwa
Miss Amelia, Minchins Schwester: Stephanie K. Schreiter
Monsieur Dufarge, Französischlehrer / Wache: Frank Engelhardt
Mr. Barrow, Captain Crewes Anwalt / Wache: Jakob Elsenwenger

In weiteren Rollen: Ensemble

Bühne: Jethro Compton und Clio van Aerde
Kostüme: Andrea Bernd
Musik: Jonny Sims
Videoprojektionen: Jakob Bleier
Kampfcoach: Martin Woldan
Licht: Christian Holemy
Dramaturgie: Brigitte Auer
Assistenz und Inspizienz: Eva Maria Gsöllpointner
Hospitanz: Birgit Kovacsevich

Aufführungsrechte: Theater der Jugend, Wien

Wann & wo?

Bis 23. Juni 2018
Renaissancetheater, 1070, Neubaugasse 36
Telefon: (01) 521 10-0
www.tdj.at

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