Kiku
15.09.2018

Erfüllungsgehilfen der Mächtigen, statt Helfer der Menschen

„Feuersalamander“ – ein Stück junger Theaterleute nach Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“ – tourt durch Wien.

Vier ineinander verschachtelte Leinwände zeigen knisterndes Feuer wie in einem offenen Kamin. In das starren der Feuerwehrmann Montag (Boris Popović) und sein Hauptmann (Régis Mainka). „ Feuersalamander“ ist ein knapp einstündiges Stück, das seit Kurzem durch Wiener kleine Theater und Veranstaltungsorte tourt. Insofern kommt es mit wenig Utensilien aus. Reicht auch. Ein Teppich, die vier Leinwände, zwei Würfel, ein weiß lackiertes Spielzeugfeuerwehrauto sowie zwei Kleiderständer. Das ist’s, abgesehen von einigen Kleinigkeiten, die noch aus Sakkotaschen hervor„gezaubert“ werden, wie eine aus Zeitungspapier gestaltete Blume und ein in solches Papier gehülltes Büchlein. Eines der letzten seiner Art.

Früchte der Erkenntnis

Denn Bücher – als Symbol für Erkenntnis sind verboten. Eigenständiges Denken, Hinterfragen sowieso. Nur kontrollierte Infos von oben sind erwünscht. Und die Feuerwehrleute wissen gar nicht mehr, dass sie einst fürs Löschen von Bränden zuständig waren. Heute ist ihre Aufgabe, Bücher-lesende ausfindig zu machen – dabei helfen ihnen Roboter-Spürhunde – und die Bücher zu verbrennen. Das ist die Grundgeschichte von Ray Bradburys vor 65 Jahren erstmals veröffentlichter Roman „Fahrenheit 451“. Und damit natürlich auch die Grundgeschichte des genannten Stücks, das im Brick 5 (Wien-Fünfhaus) seine Premiere feierte.

Das Abzeichen auf den Ärmeln der Feuerwehruniform wurde hier zum Titel des verdichteten, sauber gespielten Stücks (Text: Bernd Watzka, Regie: Valentin Werner). Ein wenig umgewichtet wird die Beziehung des Feuerwehrmanns Guy Montag zur Nachbarin Clarisse ( Sophie Resch). Die Belesene entfacht hier nicht nur die Liebe und Leidenschaft zum Lesen, sondern – hier schon älter als im Roman (dort ist sie 17) – auch Verliebtheit.

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„Wand an!“

Damit eröffnet sie auf einer anderen Ebene den Gegensatz zur Ehefrau Mildred, genannt Millie (ebenfalls Sophie Resch, die auch noch einen Feuerwehrmann spielt). Die lässt sich von den Bildschirmen und den dort ablaufenden Mitmach-Shows wie „We are Family“ zudröhnen. Wie in Platos Höhlengleichnis die anderen Bewohner nur die Höhle und bestenfalls ihre Schatten an den Wänden im Schein des Feuers sehen, kann/ will sie die Wirklichkeit, die ihr Ehemann langsam begreift und ihr zu erzählen sucht, nicht sehen. Ihr größter Wunsch im Roman, ein vierter Bildschirm, hat sich hier im Stück schon am Anfang materialisiert. „Wand an!“ ist ihr Weckruf aus Lethargie zum (Mit-)leben mit den TV-Shows.

Einmal noch wird sie stark emotional: „Das Buch oder ich!“, stellt sie dem Feuerwehr-Ehemann ein Ultimatum. Was das Auseinanderleben nur noch verstärkt.

So wie Resch nur mit wenig anderer Kleidung, so wechselt auch Mainka von der Rolle des Feuerwehrhauptmanns in jene eines Arztes oder die von Faber, einem alten resignierten Professor. Der schöpft durch die Begegnung mit dem nun illegal lesenden Montag neue Hoffnung, und verschafft ihm einen kurzen –Fluchtvorsprung, als dieser seinen Hauptmann tötet, statt den Befehl auszuführen, die eigene Wohnung samt Büchern zu verbrennen.

Über das saubere Spiel des Trios mit seinen schnellen Verwandlungen hinaus ist ein Regie-Einfall hervorzuheben. Wenn der Hauptmann die Bücherfreundin und damit Kritikerin der autoritären Herrschaft schlägt, würgt usw. so geschieht das in einer Distanz von gut eineinhalb Metern. Führt er mit seinen Händen in der Luft die Misshandlungen aus, so reagiert Resch als Clarisse exakt so, als würde ihr das auch wirklich angetan!   

Feuerwehrleute als Menschen die helfen sollen, werden zu Erfüllungsgehilfen autoritärer Machthaber. Viele Bürger_innen lassen sich von bewegten Bildern zudröhnen, nehmen nicht (mehr) wahr, was rund um sie in der Wirklichkeit passiert und scheinen selbst recht kurz zurück liegende Vergangenheit vergessen zu haben. Was Bradbury im Roman schrieb, der 1953 erstveröffentlicht wurde, und Basis für das Stück ist, scheint nicht wirklich so weit weg und auch nicht nur fiktiv, oder?

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Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Feuersalamander 451
Frei nach Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“

Text: Bernd Watzka
Regie: Valentin Werner

Spiel: Régis Mainka, Boris Popović, Sophie Resch

Kostüme: Sophie Marie Frauscher
Videos: Tobias Zarfl
Regie-Assistenz: Hanna Fenzl

Produktionsleitung: Stefan Pfeffer

Fotos: Nela Pichl

Wann & wo?
14. September 2018: Seestadt Aspern/Fabrik / 1220, Sonnenallee 137
18. September 2018: Brotfabrik/Atelier Daniel Sommergruber / 1100, Absberggasse 29/Top 5
19. September 2018: Theater Experiment / 1090, Liechtensteinstraße 132
20. September 2018: Gasometer/Spielraum / 1100, Guglgasse 8
25. September 2018: Sargfabrik/Seminarraum / 1140, Goldschlagstraße 169
27. September 2018: VHS Ottakring / 1160, Ludo-Hartmann-Platz 7
28. September 2018: Kultur.Fest Atzgersdorf / 1230, Atzgersdorfer Kirchenplatz

2. Oktober 2018: Amtshaus Wieden / 1040, Favoritenstraße 18
3. Oktober 2018: Theaterkeller /1030, Hegergasse 9
4. Oktober 2018: Alberi Kulturbau / 1070, Kirchengasse 33
6. Oktober 2018: Theaterkistl / 1120, Aichholzgasse 52
8. Oktober 2018: Local / 1190, Heiligenstädter Straße 31
11. Oktober 2018: Künstlerhaus 1050 / 1050, Stolberggasse 26
12.10.: Rampenlicht / 1180, Mitterberggasse 15

14. November 2018: Stadttheater Leoben / 8700, Homanngasse 5

Tickets: wiendrama@chello.at

www.wiendrama.wordpress.com