Daniel Langbein

© Marco Prill

Kiku
06/14/2019

Enkel lässt Opas (Lebens-)werk weiterleben

„Lebenslang“ mit Daniel Langbein im Theater Drachengasse (Wien): Kurzstück plus Nachgespräch über Nazizeit und Widerstand.

Ein schmuckloser, schlichter (Schreib-)Tisch, dahinter ein klassischer Büro-Drehstuhl dominiert eine Bühnenhälfte. Auf der anderen steht ein Holzsessel über dessen Lehne ein braunes Sakko hängt, eher Typ Altherrenteil. Dahinter eine hohe, schmale Leinwand.

Ein - überraschend - junger Schauspieler (Daniel Langbein) betritt die Bühne, zieht sich dieses Sakko an, setzt sich hinter den großen Tisch, schaltet eine Tonbox ein und beginnt zu sprechen - von der Form her eher wie ein älterer Mann.

lebenslang_foto_vorstellung_copyright_marco_prill_2.jpg

Genau das stimmt, er wird Worte und Sätze eines älteren Mannes zitieren - praktisch genau in der Tonalität und mit denselben Handbewegungen - die nun auf der Leinwand auftauchen. Erst nur Kopf- und Handbewegungen, später auch dessen Originalstimme. Der Alte ist der Großvater des 32-jährigen Schauspielers. Dieser setzt mit seinem kurzen Reenactment (Wiederbelebung/ Nachleben/ Neu-Inszenierung) seinem Opa, der starb als der Spieler 7 Jahre jung war, damit kein Denkmal. ER setzt auf eine andere, auf seine Art, das (Über-)Lebenswerk des Großvaters, Hermann Langbein, fort. Dieser hatte als Gegner der Faschisten im spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Internationalen Brigaden gegen Franco, der mit Hitler und Mussolini (Diktatoren in Deutschland bzw. Italien) verbündet war, gekämpft. Nach Niederlage der Demokraten wurde er erst in französischen, später in Konzentrations- und Vernichtungslagern der deutschen Nazis eingesperrt. In Auschwitz baute er mit anderen Eingesperrten eine Widerstandgruppe auf, konnte bei der Überstellung in ein anderes Lager fliehen und überlebte.

Hermann Langbein begann als einer der ersten über die Erfahrungen und Erlebnisse in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zu schreiben. Die Aufklärung vor allem der folgenden Generationen war ihm ein unmittelbares Bedürfnis und Verlangen. Sehr früh ging er als Zeitzeuge in Schul(-klassen). Dank seiner Wahrnehmungen und Aufzeichnungen, die er als Schreiber des Lagerarztes führte, trat er auch als Zeuge in Prozessen gegen Täter auf.

lebenslang_foto_hermann-langbein_copyright_schindler_fotoreport.jpg

Ein Teil der Videoaufnahmen zu Aufklärungszwecken für Schulen war für den Enkel die Basis für das kurze, nicht zuletzt aufgrund des persönlichen Bezugs, berührende Stück, das vor zwei Jahren in Dresden Premiere hatte.

Erst im Zuge der Recherchen ist Daniel Langbein draufgekommen ist, dass sein Opa ursprünglich auch Schauspieler werden wollte. Aus politischen Verfolgungsgründen konnte er diesen Beruf nicht ausüben. Wie seinem Großvater geht es dem Enkel nicht (nur) darum, über die Zeit der Nazi-Diktatur zu berichten, sondern die entsprechenden Lehren zu ziehen: Gegenseitiges Ausspielen, Abwerten von Menschen(gruppen), sprich Rassismus auch heute zu erkennen und dem entgegenzutreten. „Zumindest versuchen soll man’s!“, meinte eine der KFZ-Technik-Berufsschülerinnen bei einer der Vormittagsvorstellungen im Theater Drachengasse, bei der der Kinder-KURIER dabei sein durfte.

lebenslang_foto_daniel-langbein_copyright_tobias_ritz.jpg

Infos: Was? Wer? Wann? Wo?

Lebenslang
mit Daniel Langbein

Dramaturgie: Kathi Loch
ab 14. J., 1/4 -stündige Performance mit anschließendem Nachgespräch mit dem Schauspieler und Fachleuten (Sozialwissenschaft, Rechtsextremismus)

18. und 19. Juni 2019, jeweils 20 Uhr
Theater Drachengasse: 1010 Fleischmarkt 22
Telefon: (01) 513 14 44
drachengasse.at

Follow @kikuheinz