Kiku
24.03.2018

Eine frühe Powerfrau mit Seele

„Ich bin so scharf auf Seele“ - das Leben der Lili Grün: Historisches musikalisch-kabarettistisches Stück in Schwechat.

Eine Zeitreise zurück in die 20er und 30er Jahre verschaffte bis kurz vor der Karwoche das Theater Forum Schwechat mit seinem gespielten und gesungenen Abend über eine starke Künstlerin und Frau der damaligen Zeit, Lili Grün. Die Bühne mit wenigen Elementen auf diese Zeit drapiert, das Theater itself tut ein Übriges ;) Der Live-Musiker am Klavier, Gabor Rivo, ein Weiteres.
Eingestreut in den dichten, rund zweistündigen Abend (eine Pause) sind so manche auch heute noch bekannten Chansons aus dieser Zeit – von „wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht“ über „in meinem Herzen ist für viele Platz“ bis zu „Die Männer sind alle Verbrecher“.

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Polit-Satire

Neben diesen Liedern und vielen Texten, die das Verhältnis zwischen Frauen und Männern ansprechen, sind einige Texte, Szenen und auch insbesondere ein kabarettistisches Lied politischen Verhältnissen der damaligen Zeit gewidmet, namentlich Friedrich Hollaenders „An allem sind die Juden schuld.“ Vorsichtshalber blendete das Theater ein, dass dieser Text ironisch zu verstehen sei, wiewohl sich das aus dem Text selbst ergibt - ob es ums Wetter oder was auch immer geht, sie seine dran schuld. „Wieso, warum sind sie dran schuld?/Kind, das verstehst du nicht, sie sind dran schuld.
Und Sie mich auch! Sie sind dran schuld!“

Die Einblendung des Hinweises ist vielleicht ein Hinweis, dass so manches, eben die Struktur, Sündenböcke für alles zu suchen und finden, uns viel näher mit jener Zeit verbindet als uns lieb sein sollte.

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Trotz Tragödie

Das ist aber nur das Rund-um des revue-artigen Abends. Im Zentrum steht die genannte Künstlerin – als solche, aber auch als sehr selbstbewusste, emanzipierte Frau Lili Grün. Aus ihren wenigen Büchern und noch weniger biographischen Daten hat die Intendantin des Theaters, Manuela Seidl, ein Stück schreiben lassen (Marius Schiener). Sie selbst gibt die Lili Grün, die ihr sehr (am Herzen) liegt, Bühnenpartner Johannes Kemetter switcht gekonnt von einer Rolle in die andere – vom Vater, in die Freundin, die Vermieterin, den einen oder anderen Liebhaber, Bühnenpartner usw.

Hin und wieder kommen aus dem Off eingestreute Biographie-Fakten der gebürtigen Wienerin als Tochter eines aus Ungarn stammenden Kaufmannes, der frühe Tod der Eltern, ihre Leidenschaft für die Theaterbühne, der Brotjob als Bürokraft, die Mitarbeit am gesellschaftskritischen Kabarett insbesondere in Berlin und nicht zuletzt die Ermordung im Vernichtungslager Maly Trostinez am 1. Juni 1942.

Nicht nur das mörderische Ende, auch der schon lange davor mühsame Kampf ums (Über-)Leben als Künstlerin, aber auch das nicht immer leichte (Zusammen-)Leben mit Männern vermögen dennoch nicht, die positive Grundstimmung zu vernichten, die der Abend über diese frühe Powerfrau mit großer Sehnsucht nach Empathie vermitteln möchte.

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Infos

„Ich bin so scharf auf Seele“ - das Leben der Lili Grün
Historisches musikalisch-kabarettistisches Stück

Eigenproduktion Theater Forum Schwechat

Buch und Regie Marius Schiener
Es spielen Manuela Seidl und Johannes Kemetter

Musikalische Leitung Gabor Rivo

Bühnenbild: Manuela und Thomas Fischer-Seidl, Daniel Truttmann
Kostüme: Lilianna Kozlowska

Technische Leitung: Matthias Rohrbeck
Technische Assistenz: Reinhard Kralik
Regieassistentin: Selina Stiegler

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