Kiku
03.12.2018

Auszüge aus dem Text der 3.-Platzierten

Caroline Kuba: Zu rot.

Jeden Abend um die selbe Zeit stehe ich vor meinem Fenster.
Es ist ein unauffälliges Fenster in einem unauffälligen Haus.
Dunkle Vorhänge, die trübes Metall umrahmen.
Von dem Fenster aus habe ich Sicht auf einen großen runden Platz.
Er ist gefüllt mit Lichtern und Stimmen.
Mit Leben, Wärme und Geborgenheit.

Er ist gefüllt mit Gesichtern.
Wild und wunderschön bemalt.
Sie alle stehen lachend an ihren Plätzen.
Bewegen sich im Takt einer Melodie, die ich nicht hören kann.
Die ich noch nie hören konnte.
Egal wie angestrengt ich lausche.
Egal wie still ich bin.

Die Gestalten auf der anderen Seite des trüben Metalls tanzen einen Reigen.
Manchmal langsam und geschmeidig.
Manchmal so wild, dass ich Angst um mein Fenster habe.
Immer im Takt.
Immer ohne Fehler.
Immer ohne mich.

Manchmal klopfen sie an meine Scheibe, hinterlassen Fingerabdrücke, schreiben Nachrichten mit Lippenstift, wo ich zuvor sorgsam geputzt habe. rot. zu rot.
Einmal habe ich jemanden gesehen.
Für den Bruchteil einer Sekunde ist er aus dem Takt gekommen.
Ist gestrauchelt.
Ganz kurz.

Damals habe ich probiert, mein Haus zu verlassen.
Langsam. Ganz langsam, die Taschen voll mit Eiswürfeln, habe ich mich hinaus in die flimmernde Hitze gewagt.
Er hat mich angesehen.
Vielleicht weil ich so dastand.
Weil er gesehen hat, dass ich die Musik nicht höre.

Er trug keinen Lippenstift.
Seine Augen waren blau.
So blau, dass ich schwören könnte, sie wären aus Eis gewesen.
Ich bin auf ihn zugewankt.
Habe probiert, die fließenden Bewegungen der anderen zu imitieren.
Er streckte seine Hand aus.
Finger rot vom Lippenstift.
Und meine Eiswürfel schmolzen.