Terra Madre: Slow Food für Wien

Erster Tag auf der Terra Madre: Die Wiener erweisen sich als Feinschmecker. Und unser Autor macht einen Blind-Geschmacks-Test.

Mutter Erde schmeckt den Wienern gut

Erster Tag auf der Slow-Food-Messe im Wiener Rathaus: die Terra Madre macht den Wienern Appetit auf Essen und Trinken aus ökologisch nachhaltiger Produktion und Kennenlernen von Produzenten, die sich dem Massengeschäft verweigern.

Im Bild: Wiener Schneckenspieß mit Lardo Erster Eindruck am Donnerstag gegen Mittag: das Interesse ist groß. Der Eintritt ins Rathaus ist gratis, die Kostproben aber durchaus nicht. Den Besuchern ist das egal. Sie kosten sich durch Beinschinken, Eselsalami, Tomatensaft, Minigurken, Wildschinken, Obstschaumweine, Waldviertler Mohnkipferln, österreichischen Lardo und finden es gut.

Im Bild: Produkte der It-Gärtnerei von Evi Bach. Wer sich frei nehmen konnte, stattete den Slow Food-Produzenten schon am Donnerstag vormittag den ersten Besuch ab. Unter den Gästen auch manche Weitgereiste, die die Gelegenheit.

Im Bild: Schöner Rahmen im Arkadenhof des Rathauses. Die Temperaturen in Wien gerade so, dass die guten Dinge gekühlt, aber nicht eiskalt zum Probieren sind. Manche Aussteller kommen von recht weit her, zum Beispiel aus dem Montafon: Monika und Christian Kartnig aus Gaschurn machen Suren Kees  aus Kuhmilch - er duftet unglaublich nach Alm, Holz, Wiese und schmeckt noch besser.

Die beiden sind erst seit drei Jahren als Käsemacher beschäftigt. "Man hat ja früher Probleme gehabt, die Käse von der Alm zu verkaufen. So haben die Bauern die Milch halt an die Molkerei gegeben." Damals herrschten in Österreich noch andere Haltungen gegenüber kleinen Produzenten und hochwertigem Essen. " Aber das hat sich geändert. Käse von der Alm hat eine andere Wertigkeit." Hat sich die Reise nach Wien gelohnt? 

Im Bild: Sura Kees - wenn Sie auf die Terra Madre gehen, müssen Sie ihn probieren. "Slow Food ist gut. Wir lernen hier neue Leute kennen. Die Kunden sind total interessiert an dem, was wir machen." Tatsächlich ist die Schlange der Besucher an dem Stand auffallend lang.  


Im Bild: Passt gut zu süßem Senf und Marmeladen. Alle Wetter!

Der Apfelsaftstand der Familie Wetter offenbart eine erfreuliche Erkenntnis.

2011 ist ein Jahrhundertjahrgang. Allerdings schmecken die sortenreinen Säfte diesmal besonders intensiv und zwar so, dass man am liebsten in ein Fass fallen würde und es austrinken. Was sagt Frau Wetter über die Terra Madre?

"Slow Food fördert die Kleinen. Die Besucher sind unglaublich interessiert an den Hintergründen."

Der Wiener Gaumen erwacht aus seinem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. Robert Strasser kommt aus Frankenburg.

Seine Rohmilchbutter ist Kult. Auf seinem Bauernhof hat er aber auch Schweindln, deren Braten und deren Bratlfett er auf dem Stand anbietet.

"Das Interesse ist groß", so der Bauer aus Oberösterreich. Ob er es sich vorstellen könnte, seine Produkte in einem Supermarkt anzubieten.

"Niemals", lehnt er ab. "Was ich mache, braucht persönliche Betreuung. Das ist kein Regalprodukt."

Eine Besucherin lässt sich gleich mal einen Kilo Butter einpacken. Die Frau weiß, was gut ist. Die Wiener Schnecke darf hier nicht fehlen.

Immerhin ist die Schnecke das Logo der Slow Food Community. 

Andreas Gugumucks Schnecken im Glas sind leider fast ausverkauft. Der Schweizer Globus hat zugeschlagen. 

Er lässt die Besucher Schneckenkaviar probieren. Einfach ein halber Löffel auf den Handrücken. Der Geschmack ist zart und erdig. Dieser Herr, pensionierter Polizist, verhaftet gerade eine Portion Wiener Schnecken.

"Herrlich." Etwas Schneckenleber gefällig?

Gerne. Andreas Gugumuck, der sich den Stand mit dem Fischzüchter Brauchl teilt: "Was ich hier liebe: den Wienern die Wiener Schnecke schmackhaft machen." "Das Schneckenbeuschl müssen S' noch probieren."

Allerdings. Das muss man. Davon spricht die ganze Messe

Der in Rumänien hergestellte Schafskäse, der in einer Baumrinde reift, reist seit 2006 von Slow-Food-Veranstaltung zu Veranstaltung. "Die Österreicher sind uns lieber als die Italiener. Die probieren nicht lange herum. Sie kaufen gleich."

(Eine Besucherin lässt sich einen halben Kilo vom Riesenlaib abschneiden und einpacken. Der Käse ist im Übrigen wirklich sehr, sehr gut.)

Solche Komplimente hört man doch gerne.

Im Bild: Schafskäse in Tannenbaumrinde. Nicht so ganz schlecht. Max Palla, Werbemanager, fällt vor allem einmal eines auf:

"Die Markenpersönlichkeit der kleinen Produzenten ist extrem unterentwickelt. Alles wirkt irgendwie unbeholfen."

Wo er nicht unrecht hat: im Gegensatz zum Beispiel zu England läßt Bewußtsein für die Wichtigkeit von Grafikdesign bei kleinen und mittelständischen Unternehmen in Österreich Raum für Verbesserung.

Pallas Frau arbeitet bei der Verwandtschaft, dem Beinschinken-König Thum und schneidet dicke Scheiben vom köstlichen Lardo. Evi Bach erntet Applaus für Paradeiser, Melanzani und Gurken.

Die Gemüse der Gärtnerei Bach im 22. Wiener Bezirk sind Kult. Frau Bach beliefert Heinz Reitbauer Steirereck und jeden, der seltenen Gemüsesorten spannend findet.

Was sie zur Terra Madre meint, hören wir an diesem Vormittag nicht zum ersten Mal. 

"Der Rahmen ist hier sehr schön. Das Publikum interessiert." Die kleinste Gurke der Welt - am Stand der Gärtnerin kann man sie probieren.

Am Freitag gibt es eine Schule des Geschmacks mit dem Essigmacher Erwin Gegenbauer und Salat von Evi Bach.


Im Bild: Cocktailgurken aus der Gärtnerei Bach. Auch das gibt es. Bitter oder süß?

Geschmäcker sind verschieden. Bei Open Sense erfahren die Terra Madre-Besucher, dass es Menschen gibt, die schmecken und andere nicht. Nämlich bitter schmecken. 

Das wirkt sich auf ihre Ernährungsgewohnheiten aus. Also isst der (Bitter-) Schmecker anders als der Nichtschmecker.

Experiment: Der Besucher kriegt vier Geschmacksstoffe (sauer, bitter, süß, salzig) in Wasser aufgelöst und muss sie zuordnen. Blindverkostung bei Open Sense.

Fünf Produkte werden zuerst ertastet, dann erschnüffelt, und schließlich verkostet. 

Der Kurier.at-Reporter hält sich wacker. Ja, die junge Dame, die die Verkostung leitet, ist sogar fast beeindruckt.

(Ich könnte Ihnen jetzt die fünf Proben aufdecken und Sie könnten dort toll herumprotzen mit ihrem Geschmackssinn. Aber das wollen Sie sicher nicht.)

Im Bild: Blindselbsttest mit Schlafmaske. Jetzt ein Getränk.

Zum Beispiel ein Glas Champagner Bratbirne. Die Bäume wachsen in Deutschlanf buchstäblich in den Himmel. Bis zu 12 Meter werden sie hoch. Den Schaumwein machen sie aus Fallobst, das handverlesen wird. Die Produktion erfolgt in der Flasche nach der traditionellen Champagnermethode. Reife Birnen werden gemahlen und der daraus gewonnene Saft drei Monate gelagert. Der nachbarliche Verkoster kann es kaum fassen, wie gut das schmeckt. 

Besonders der besonders trockene Brut-Schaumwein ist Irrsinn im Glas. Champagner war gestern. Die Stimmung war gut am ersten Tag der Terra Madre.

Am Freitag erwarten die Besucher die verschiedenen "Schulen des Geschmacks". 

Genaueres auf 
www.terramadre.at
(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?