Nizza: Kein Telefon, aber Klasse-Kutteln

Das Merenda in der Altstadt von Nizza unterscheidet sich in kleinen Details von anderen Restaurants. Reservierung geht nur per Postkarte. Ausgebucht ist es mittags wie abends.

Eine Reise zurück in eine Welt ohne Telefon und e-mail-Adresse

Im winzigen Bistro "La Merenda" in der Altstadt von Nizza kocht Dominique Le Stanc, der dem Michelin-Sterne-Stress schon vor vielen Jahren Adieu sagte.

Im Bild: Phantastische Kutteln à la Nicoise mit Pain Nice, ein knusprig gebackenes Brot, Parmesan und sonst nichts. Dominique La Stanc kochte auf 2 Michelin-Sternen im Pariser Negresco. Alain Weissgerber, einer der besten Franzosen Österreichs, der im Taubenkobel kocht, hat bei ihm gelernt. Irgendwann wurde es Le Stanc zu bunt, der Stress mit der Hochgastronomie, das Getue und die Macht der Restauranttester. Er machte sich mit seiner Frau in einem kleinen Bistro unweit des Nizzaer Blumenmarktes selbständig.

Das Lokal ist seither bummvoll. Reservierung nur persönlich vor Ort oder mit Postkarte möglich.

Im Bild: Das Ehepaar Le Stanc, routiniert freundlich und vollkommen losgelöst von der Hektik heutiger Starköche. Wenn einer einmal kochen kann, verlernt er es auch nicht in einer kombüsenartigen Miniküche, nicht größer als der Kühlschrank renommierter Häuser. Le Stanc, dem das alles ziemlich egal zu sein scheint, schreibt die Schiefertafel des Lokals immer wieder neu, holt sich von guten Lieferanten oder vom Markt das gute Zeug. Und fertig. 

Im Bild: Rucola, wie man ihn nur im Süden bekommt, mit Feigen, Oliven und Ricotta. Klassische Nizzaer Hausmannskost zu unglaublich niedrigen Preisen. Daran liegt es wohl, warum Le Stanc sich weder mittags noch abends Sorgen machen muss, dass ihm was übrig bleibt.

Im Bild: Ratatuille, als Vorspeise kalt serviert. Dafür zwängen sich die Gäste in den winzigen Raum, der wenigstens anständig kühl klimatisiert ist, nehmen auf unbequemen Hockern Platz und eine Entfernung von etwa einer halben Armlänge zum Nachbarn in Kauf. Die Nachbarin aß übrigens die letzte Portion des Tagestellers Kalbskopf mit Sauce Gribich. Ich werde es ihr vielleicht in ein paar Jahren verzeihen, jetzt aber noch nicht. Jetzt kommen die Herrschaften aus Schweden und gleich wird es laut. Schinken (ganz groß), kleine Pizzen als Vorspeise (auch nicht übel) und die berühmte Spezialität der frittierten Zucchiniblüten werden serviert. Dass das kleine Lokal unter Fress-Touristen weiterempfohlen wird wie der Zugangscode zu Abramovichs Safe in der seiner neuen Villa vor Nizza, verwundert keinen, der einmal hier gegessen hat. Die Besucher, die in anderen, hochdekorierten Häusern mit der platinenen Kreditkarte wacheln, kommen also untertänigst durch den schmucklosen Eingang und erkundigen sich schüchtern, ob sie vielleicht  ... 


Im Bild: Doormen oder Valet Parking sucht man hier erwartungsgemäß vergebens. Kommen Sie lieber zu Fuß als mit dem Auto. Die Straßen sind eng, die Polizei recht unentspannt. ... was von der Schiefertafel bestellen dürften, die draußen vorm Lokal hängt. 

Mit Glück und einem netten Gesicht werden sie nicht abgewiesen. Der Mann kann auch Nachspeisen, daran besteht kein Zweifel. Trotz der Beengtheit kommt der Gedanke, man könnte einen Anstandsrest vom Essen zurückgehen lassen, nicht einmal erwogen.

Im Bild: Weiße Pfirsiche mit Himbeeren, gnadenlos südliches Dessert. Ausgeklügelte Raumnutzung. In jedem auch noch so kleinem Fach lagert Besteck, Geschirr, Käse, Brot oder auch ein Schokoladenkuchen. Damit Sie es nicht vergessen: Reservierung unmöglich. Das macht das Essen spannend, bevor es überhaupt begonnen hat.
(KURIER.at) Erstellt am
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