Montagmittags­tisch:The Good Old Fashioned Way

Eher geht ein Kameel durch ein Nadelöhr, als dass man mitten in der City einen guten und preiswerten Lunch bekommt, sagen manche. Sie haben Unrecht.

Die Bar des Schwarzen Kameels in der Bognergasse. Hier wird der Mittagsgast vor die Wahl gestellt. Speist er nebenan in einer Loge in einem der schönsten Restaurants Wiens, wo ihm Maitre Gensbichler die feinsten Weine serviert? Oder begnügt er sich mit einem raschen und preiswerten Mittagessen sowie einer kleinen Plauderei an der Theke oder am Stehtisch? Das Angebot wechselt täglich, die Preise sind ortsunüblich günstig. Denn Peter Friese, Patron des Schwarzen Kameels, kennt seine Stammklientel. Sie leben nicht an der Armutsgrenze, wenn sich auch unter den vielen Posern in der Bar so mancher befinden soll, gegen den gerade das Konkursverfahren läuft. Jedenfalls wollen sie nicht mit dem vollen Portemonnaie protzen, egal, wie voll es jetzt gerade wirklich ist. Die Mittagsteller kosten ab 6 Euro. Wobei: so mancher schhlägt sich ohnehin lieber den Bauch mit den Brötchen von der Bar voll, die dem Lokal den Namen Stiebitz verliehen. Man stiebitzt die Brote von der Bar und bezahlt am Ende. So pflegt man es auch heute noch. Was es sonst gibt? Klassiker der Wiener Küche, Österreichisches, mal Eiernockerl, mal Gulasch, Augsburger mit Erdäpfelschmarren, gekochtes Rindfleisch, besonders zu erwähnen, wenn es ihn gibt, der gebackene Zander mit lauwarmem Erdäpfelsalat am Freitag Mittag. Der Fisch wird knusprig gebacken, doch manchmal wartet er ein bißchen im Warmhaltegerät und das macht die Panier irgendwie letschert und es erinnert uns an die Tage, als Oma mit uns als Kind zum Fischhändler ging, wo es gebackenen Kabeljau gab, der ins Papier gewickelt und zuhause gegessen wurde. Um die Mittagszeit drängen sich die Gäste im Schwarzen Kameel wie die Schinkenbrötchen am Buffet. Viele von ihnen müssen sich um ihre Karrieren so oder so keine Sorgen mehr machen. Statt mittäglicher Hektik prägt laut vernehmliche Gelassenheit die Szene. Verschlägt es hie und da ein paar junge Banker in ihren korrekten Anzügen in diese Bar, staunen sie nicht schlecht: Hier nimmt man sich zum Mittagessen mehr Zeit als zehn Minuten. Die Kellner tragen weiße Jackets, was dem ganzen die Eleganz einer Bar in Turin oder Florenz verleiht. Allerdings wechselt das Personal in der Bar immer wieder, was für jahrzehntelange Stammgäste eine gewisse Qual darstellt. Man ist ja nicht hier, um zu beobachten, wie schnell die Zeit vergeht, ganz im Gegenteil, man will es gar nicht wissen so genau. Flaschen gibt es nicht wenige hier, wobei wir ganz sicher nicht den einen oder anderen Gast meinen. Das Schwarze Kameel füllt ab, was geht: gute und beste Olivenöle, Kernöle, Essige, natürlich Wein aus Österreich und auch aus Bordeaux. Champagner mit dem Hauslabel gibt es ebenso. Der Mittagsgast greift hier oft zu Apfelsaft, ein sturer Nichttrinker ist er allerdings nicht. Und so endet für manche Mittagsgäste, während die anderen schon wieder an ihren Schreibtischen hocken, der Mittag erst am späten Nachmittag. Sie beweisen Stehvermögen. Zwar nur am Stehtisch, aber immerhin.

Zum Schwarzen Kameel
Bognergasse 5, Wien 1
Tel.:(01) 533 81 25
www.kameel.at
(KURIER.at) Erstellt am
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