Lokales: Das Restaurant im Wohnzimmer

Ein Trend aus Berlin und Istanbul erreicht Wien. Hobbyköche bewirten Freunde und Gäste um einen Unkostenbeitrag bei sich zuhause. Zum Beispiel Eschi Fiege in ihrem "Love Kitchen"

Wohnen Sie noch oder kochen Sie schon?

Eschi Fiege, Dramaturgien, Regisseurin, Catering-Unternehmerin, kocht jeden Montag und Dienstag zur Mittagsstunde bei sich zu Hause am Naschmarkt. Mittags zuhause kochen tun viele. Frau Fiege allerdings kocht auch für wildfremde Gäste. Im allgemeinen Sprachgebrauch nennt man das Restaurant.

Im Bild: Gastgeberin und Köchin Eschi Fiege in ihrer Love Kitchen. Wobei: hier wird nur gekocht und gegessen. Alles andere ist Phantasie. Ist es aber nicht. Der Trend kommt aus Berlin, vielleicht auch aus London und New York. Gute Köche öffnen ihre Wohnungen für Gäste, kochen ein bisschen etwas und berechnen einen Unkostenbeitrag. Es ist ein Eintreten in eine spezielle Welt. Das Klischee vom Besuch bei Freunden ist überstrapaziert. Was die Guerilla-Köche ausmacht, ist das Unperfekte und Beiläufige. Der Charme eines Nicht-Restaurants, in dem man aber wie im Restaurant essen kann. Oder sogar besser.

Im Bild: Die Speisenfolge auf dem Wohnzimmerspiegel notiert. Ist das ein Zeichen der wirklich großen Wirtschaftskrise, die von allen herbeigeredet wird? Essen bei Freunden, Rückzug in die privaten Wände. Nun, Berlin ist nicht gerade reich. Das Home-Cooking dort sicher für viele eine willkommene Einnahmensquelle. Aber darüber hinaus ist das eine erfreuliche Alternative zum rituellen Betrieb im Wirtshaus oder im Restaurant. Der Anteil der Stammgäste ist hoch. Ohne Reservierung geht gar nichts. Man sollte auch eine Empfehlung von gemeinsamen Bekannten dabei haben. Der Anspruch "Ich habe Geld und Sie kochen jetzt etwas für mich" hat in der Love Kitchen Hausverbot. 

Im Bild: Pilztatar auf Croutons mit einem Klecks Creme Fraiche. Und wie isst man jetzt im Wohnzimmer der Frau Fiege? Zuerst einmal rein vegetarisch. Frau Fieges köstliche Geflügelleber-Paté bleibt einstweilen nur wirklich guten Freunden oder ihren Catering-Kunden vorbehalten. Gemüse essen macht aber auch Carnivoren Spaß, wenn es so gut zubereitet wird wie in der Love Kitchen.

Im Bild: Ausgesteckt is' - wenn über der Wienzeile sechs die Fahne weht, wird gekocht. Eschi beherrscht die Kunst des Würzens und Garens genauso gut wie so mancher Spitzenkoch. 


Im Bild: Kürbisrisotto mit Dille und getrocknetem Koriander. Der Reis vielleicht etwas über dem idealen Punkt, aber köstlich. Niemals würde sie in Versuchung kommen, ihre Gäste mit Wiederholungen zu langweilen. Wiederholungen hasst sie nämlich. 


Im Bild: Warum gibt es in so wenigen Gasthäusern so guten Salat wie in diesem Nicht-Gasthaus? Man nimmt also Platz auf Holz- und Plastiksesseln vom Trödler oder Flohmarkt an mit karierten Tischtüchern gedeckten Holztischen. Pauvre chic ist das Wort für jene, die für alles ein Wort finden müssen. Ein Glück allerdings, dass die Wohnungsinhaberin in vielen Details beweist, dass sie auch als Innenarchitektin nicht arbeitslos würde. Das Essen ist maximal dreigängig. Wie man halt auch früher gegessen hat, bevor Kantine und Fast Food den Mageninhalt zu bestimmen übernahmen. Home made stuff mit frischen Produkten vom Naschmarkt. 


Im Bild: Apfel-Feigentarte. Man würde dafür weiter reisen als bloß an den Naschmarkt. Eschi Fiege hat keinen F&B Manager am Hals, der ihr den Wareneinsatz vorschreibt. Sie kann es sich leisten, für ihre Gäste gute Sachen einzukaufen. Gemüse kostet auch weniger als ein Steak. Man isst hier jedenfalls weit über den städtischen Durchschnitt. Dazu gibt es eine Weinsorte. Wem das zu wenig ist, der kann sich am Naschmarkt ja versorgen und dann freundlich bitten, ob er den eigenen Wein zum Essen trinken kann. Frau Fiege ist allerdings nicht nur eine herzliche, sondern auch eine resolute Gastgeberin, und ich würde mir das zweimal überlegen. Die Idee macht sicherlich bald Schule. Du kochst für Gäste - darunter auch solche, die du gar nicht kennst - und anstatt dich mit einem unüberlegten Gastgeschenk zu nerven, lassen sie ein bisschen Geld da, damit du auch noch am nächsten Tag für sie kochen kannst. Vorsicht aber, wenn Sie, talentierter Leser oder geniale Leserin, jetzt daran denken, sich in dieser Marktnische auch ein Plätzchen zu sichern. 

Nur weil er im Wohnzimmer isst, lässt der Gast seine Ansprüche nicht vor der Türe. So wie er sich auch die Schuhe nicht auszieht.

eschifiege.com
(kurier) Erstellt am
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