In den Dolomiten wächst der Bauch

Südtirol: Törggelen auf alten Bauernhöfen, Gourmetküche auf Almhütten. Da können Wanderer noch so viele Kilometer machen, irgendwann wölbt sich der Bauch zur römischen Kuppel.

Südtirol, das ist deutsch bis in die Fußspitzen. "Woher kimmsch’n?" "Van Walisch owa." So hört es sich an. Im klaren Deutsch: Woher kommst du? Aus dem Welschen.
Südtirol, das ist italienisch. Auf der Landkarte. Die Speisekarte ist ein duales System – Speck und Spaghetti, Knödel und Carpaccio, Obstler und Grappa. Auch das Wetter kann nicht verhehlen, dass es mediterrane Eigenschaften hat.
Kurz: Südtirol, das nach dem Ersten Weltkrieg zu Italien kam, ist ein erzwungener Kulturmix, der heute sprachlich so klingt. "Welche Targa hat da Kammion?" (Welche Nummerntafel hat der Lastwagen?)

Im Bild: Exportschlager Speck Die sehr Alten bleiben noch verbissen bei der deitsch’n Sprach’. Zu viel ist passiert, seit man bei Italien ist. Die Jungen genießen den Mix. Moda Italiana, Speck und Berge. Sie wechseln die Sprache mitten im Satz, verbinden das locker Italienische mit dem bodenständig Tirolerischen.

Im Bild: klassisches Bild südtiroler Geselligkeit beim Törgellen. Bodenständig sind die Berge. Die wettergegerbten Almhütten. Der Lodenhut. Die blaue Schürze der Bauern und Hüttenwirte. Aber was diese auf die rissigen Holztische stellen , ist oft schon wieder italienisiert. Gemüsesuppe mit Gerste und Ruccola-Pesto serviert etwa Franz Mulser in der „Gostner Schwaige“ auf der Seiser Alm. Seine dualen Köstlichkeiten sind bis Hamburg und Palermo bekannt.

Im Bild: Gostner Schwaige, die Kultalmhütte auf der Seiseralm Für Urlauber ist das Italo-Tirol paradiesisch. Vor allem im Herbst. Wenn die Lärchenwälder feuerrot brennen, die Berge in der klaren Luft zum Greifen nah’ sind und man zwischen Weinproben, alten Burgen und herrlichen Ausblicken so dahinwandert. Rund um Bozen etwa. Auf der Seiser Alm, am Ritten oder am Keschtnweg bei Feldthurns im Eisacktal, wo angeblich 3336 Kastanienbäume stehen und Törggelen noch unaufdringlich echt ist.

Im Bild: Seiseralm
Törggelen  „Wollt’s a poa Keschtn?“, fragt uns die alte Bäuerin am Moar-Hof zu Viersch, während sie die Eisenpfanne mit den Maroni über dem lodernden Feuer schwingt. Ja, wir wollen ein paar Kastanien.
Törggelen – der alte Brauch, jungen Wein zu verkosten und dazu gebratene Maroni und a Jaus’n zu reichen, ist längst eine Touristenattraktion geworden, die mancherorts Ausmaß und Lautstärke von Feuerwehrfesten erreicht. Am Moarhof zu Viersch aber sitzen wir mit einer Handvoll Einheimischer am grau-bleichen Holztisch, den Rücken an die sonnengewärmte Wand des alten Bauernhauses gelehnt, trinken jungen trüben Vernatsch und schälen Maroni bis die Finger schwarz sind. So muss es auch in der guten alten Zeit gewesen sein, das Törggelen. Der Keschtnweg ist perfekt für Genusswanderer. Ein 64 Kilometer langes Band von Kastanienhainen an den Hängen des Eisacktales, das sich in sechs Etappen von Vahrn bei Brixen bis zum
Rittener Hochplateau bei Bozen zieht. Am Weg liegen Burgen, Klöster und – für profanere Wanderer – auch genügend Törggelen-Höfe.

Das Schöne an der Berglandschaft um Bozen ist, dass viele Dörfer nicht in die Talböden gezwängt sind, sondern auf sonnigen Hochplateaus liegen. Die malerische Kulisse der bizarr gezackten Gipfelketten hält gebührlich Distanz und wächst einem nicht bei den Ohren hinauf. Der Blick ist frei und weit. 

Im Bild: Altstadt von Bozen, Paradies für kulinarischen Einkaufsbummel.
Wie zum Beispiel auf der Seiser Alm. Der Südtirol-Klassiker ist so weltberühmt wie die Dolomiten und das Matterhorn, so dass man versucht ist, einen weiten Bogen drum herum zu machen. Wer will schon Horden von Wanderern begegnen?
Das aber wäre ein schwerer Fehler. Die größte Hochalm Europas ist trotz Touristenmassen und Seilbahnstützen ein Prachtstück. 57 km² Almböden, umrahmt von einigen der markantesten Bergmassive, die Südtirol aufbieten kann – Langkofel, Rosengarten, Schlern, Sella und die Dolomiten mit Puez- und Geislergruppe. Davor verneigt sich selbst Reinhold Messner. "Ich habe keinen größeren Berg kennengelernt als die Geislerspitzen", sagt er als Resümee seiner weltweiten Abenteuer. Obwohl wir jetzt dem Messner nacheifern und von der Seiser Alm aus rund um den Langkofel kraxeln könnten (die Tour soll wunderschön sein), entscheiden wir uns für die sanfte Lösung. Rundwandern auf der Alm mit Einkehr bei der erwähnten Gostner Schwaige.
Kuppelbauch  Der Franz im blauen Schurz trägt dick auf: Rote-Beete-Nocken, Kräuterknödel, g’schmortes Schulternatl vom Simmentaler Almochsen, Salat von Wiesenblumen mit Balsamico und Olivenöl, selbst gemachten Käse. Luftig leicht bis g’schmackig würzig ist seine geachtete Gourmetküche auf der urigen Hütt’n.

Im Bild: Kirche auf der Seiseralm Bevor wir nicht nur am Rücken schwer tragen, sondern sich unser Bauch auch noch wölbt wie eine römische Kuppel, loben und zahlen wir. Denn noch ein Geheimtipp zum fein Schmausen ist uns zugeflüstert worden. Der Gasthof Zuner am Ritten, auf der gegenüber liegenden Seite des Eisacktales. 800 Jahre alt mit Fresken anno 1730 an der Hauswand und urgemütlicher Zirbenholzstube.
Drei knorrige Bauern sitzen drin, leeren g’rad die zweite Karaffe Roten. Der blaue Schurz ist mit dabei. Man spricht deitsch. Die Pendeluhr füllt die immer länger werdenden Gesprächspausen – dong, dong, dong. Die Abendsonne lässt die Geislerspitzen rot aufleuchten.

Im Bild: Südtiroler Stubenidyll Bevor wir nicht nur am Rücken schwer tragen, sondern sich unser Bauch auch noch wölbt wie eine römische Kuppel, loben und zahlen wir. Denn noch ein Geheimtipp zum fein Schmausen ist uns zugeflüstert worden. Der Gasthof Zuner am Ritten, auf der gegenüber liegenden Seite des Eisacktales. 800 Jahre alt mit Fresken anno 1730 an der Hauswand und urgemütlicher Zirbenholzstube.
Drei knorrige Bauern sitzen drin, leeren g’rad die zweite Karaffe Roten. Der blaue Schurz ist mit dabei. Man spricht deitsch. Die Pendeluhr füllt die immer länger werdenden Gesprächspausen – dong, dong, dong. Die Abendsonne lässt die Geislerspitzen rot aufleuchten.
Wir finden Südtirol super und essen, was hier am Zunerhof jeder gerne isst: Schlutzkrapfen – bis sich der Bauch endgültig zur Kuppel wölbt.

Im Bild: Wandern in herrlicher Umgebung.
(KURIER / Karl Heinz Jeller) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?