Esskultur: Thomas Bernhard zu Tisch

Er war wohl kein großer Esser. Doch in vielen seiner Texten nimmt er die Essgewohnheiten der Österreicher unter die Lupe.

Thomas Bernhard fühlte sich in den Stätten der Wiener Bourgeoisie und Denker zu Hause. Das Essen im Kaffeehaus, im Wirtshaus oder Restaurant spielte eine Hauptrolle in seinen Texten. Dass er Stammgast im Bräunerhof war, weist ihn als eher bescheidenen Esser aus. Interessant, am Burgtheater ließ der Dichter wenig Gutes. Fürs Buffet dort hat er sich allerdings kaum interessiert. Thomas Bernhard: Jedes Wort ein Treffer. Und jedes Gericht eine präzise Beschreibung eines Milieus. Der Zander, ein Fischgericht, als typisch für die intellektuelle Gesellschaft in Holzfällen, die Frittatensuppe beim Theatermacher als Ikone der Land-und Wirtshausküche, die Brandteigkrapfen in Ritter. Dene, Voss als klassisches Wiener Dessert des Wiener Bürgertums. Ein Höhepunkt Wiener Theater- und Esskulturgeschichte. Das Schnitzel, das Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese verspeisen, stammte übrigens vom schwarzen Kameel, einem der besten Schnitzellokale der Stadt (sie haben auch anderes). Am Heldenplatz serviert man als letzte Mahlzeit vor dem Auszug der Familie Schuster klassische bourgeoise Speisenfolge: Eine Suppe und einen so genannten Lungenbraten. In Gaspoltshofen war die Frittatensuppe besonders gut, lässt T.B. den Theatermacher Bruscon sagen - so kam die Suppe einer Wirtin zu literatischen Ehren. Den Gasthof gibt es übrigens immer noch. Bernhards andere Stammlokale in der Gegend um Ohlsdorf haben mehr oder weniger eher kulturgeschichtlichen als kulinarischen Wert. Im Gasthof Klinger übrigens isst man auch andere Klassiker der regionalen Küche. Und die Weinkarte hat es in sich. Blutwursttage, Frittatensuppe, untrinkbares Leitungswasser, woran der Theatermacher in diesem leicht verblassenden Bild leidet, war wohl in vielen Dorfwirtshäusern Alltag. Heute sehnen sich viele danach. Und der Sautanz genießt Kultfaktor. Braaanddteigkrapfen! Gerd Voss, der beste Voss in Retter Dene Voss für jetzt und immer. In den großbürgerlichen Haushalten der Wiener Großindustriellen ist das Porzellan, das hier kurze Zeit später zerschlagen wird, immer noch wichtiger als das, was drauf serviert wird. Eine oft unwirtliche Landschaft, die Gegend um Ohlsdorf, wie sie Sepp Dreissinger hier festgehalten hat. Kulinarische Gipfel gibt es hier auch heuer nicht zu erklimmen. Bernhard war ein Fan des Mittagessens, am liebsten eingeladen bei Freunden. Zum Beispiel bei Karl Ignaz Hennetmair in Ohlsdorf. Auf ein Geselchtes mit Sauerkraut.
(KURIER.at) Erstellt am
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