Corinna Harfouch: „So bin ich doch gar nicht“
Die Zeit als „Tatort“-Kommissarin ist für Schauspielerin Corinna Harfouch seit Kurzem vorbei. Weil sie es so wollte. Gerade steht sie am Deutschen Theater Berlin auf der Bühne – und kommt für einen Abend nach Wien: Am 21. März wird Corinna Harfouch im Theater Akzent Gedichte von Mascha Kaléko lesen. Die Großstadtlyrikerin musste 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen, ihre Verse berühren bis heute. Musikalisch begleitet wird der Abend von der italienischen Sängerin und Komponistin Etta Scollo, die Kalékos Texte in ihrem Programm „Nirgendland“ neu vertont hat. Wir haben Deutschlands preisgekrönte Charakterdarstellerin Corinna Harfouch vorab für ein Interview erreicht.
Aus. Schluss. Vorbei mit dem "Tatort", zumindest für Corinna Harfouch
Zu einem Zeitpunkt, da andere längst in Pension sind, wurden Sie „Tatort“-Kommissarin. Das war vor drei Jahren und Sie hatten es gleich zeitlich begrenzt. Im Februar war nun Schluss damit. Wären Sie geblieben, wenn Sie unanständig viel Geld bekommen hätten?
CORINNA HARFOUCH: (lacht) Nein, es geht mir nicht ums Geld. Die Rolle bot für mich keine Entwicklung mehr. Ich hab ja noch was vor, will weiterwachsen. Das Drehen macht viel mühselige Arbeit. Da fließt viel Energie in Dinge, die oft nicht ganz stimmig sind. Man arbeitet im Vorfeld viel am Drehbuch und kämpft sich vor der Kamera am Rest ab, um das irgendwie hinzubekommen. Es fühlt sich manchmal am Ende fast ein klein wenig sinnlos an.
Welche Rollen interessieren Sie heute?
Am wichtigsten ist mir, dass ich etwas Neues erfahre. Das wird natürlich immer schwieriger, aber es kommt vor (lacht). Indem ich mit Leuten zusammenarbeite, die mir noch einmal etwas zeigen können, das man noch nicht kennt. Wenn ich nichts mehr lerne, dann interessiert es mich nicht. Ich will nicht stehen bleiben.
Viele Kolleginnen und Kollegen hören mit dem Theater auf, wenn sie das Glück haben, beim Film unterzukommen. Auch weil sie Angst vor dem Textlernen haben.
Derzeit sind Sie im Deutschen Theater in Berlin in „Spirit and the Dust“ auf der Bühne zu sehen. Ist es das, was Sie wollen?
Ja, Theaterspielen ist körperlich und geistig anstrengend, im besten Sinn. Es ist eine besondere Herausforderung und fordert alles. Beim Drehen hat man diese Art von Anstrengung nicht. Ich brauche das aber. Viele Kolleginnen und Kollegen hören mit dem Theater auf, wenn sie das Glück haben, beim Film unterzukommen. Auch weil sie Angst vor dem Textlernen haben. Das finde ich schade.
Jetzt bringen Sie in Wien gemeinsam mit der Komponistin und Sängerin Etta Scollo Texte der Dichterin Mascha Kaléko auf die Bühne, gestalten einen musikalisch-literarischen Abend.Was muss ein Text bieten, damit Sie ihn vor Publikum lesen?
Da gibt es sehr viele Gründe. Abgesehen von Mascha Kaléko, die wir glaube ich, alle lieben, ist für mich entscheidend, mit wem ich zusammenarbeite. In diesem Fall mit Etta Scollo, die eine geniale Musikerin ist und ein sehr feiner Mensch und die wunderbare Musiker um sich versammelt wie Susanne Paul (Cello und Gesang) und Tara Bouman (Klarinette und Gesang). Mit diesen begabten und gleichzeitig fröhlichen Menschen zu arbeiten, ist eine Freude und ein Geschenk.
Meine Erfahrung ist, nur was im Gefühl, im Herzen ankommt, bleibt.
Ist das beim Theaterspielen anders?
Wenn man Sprache liest, also nicht spielt, wie im Theater, kann ein ganz bestimmter Moment entstehen. Wenn es gelingt, dass alle im Saal eine Geschichte gemeinsam erleben, dann ist das unwahrscheinlich beglückend. Beim Theaterspielen spürt man das nicht in derselben Weise. Dort ist man mit so vielem beschäftigt, mit Bewegung, Technik, Abläufen. Bei einer Lesung kann ich mich ganz auf das Publikum konzentrieren. Und wenn dann zwischen den Musikern und mir ein emotionales Einverständnis ist, dann funktioniert das wie ein trojanisches Pferd. Gerade auch bei schwierigen Texten. Und meine Erfahrung ist, nur was im Gefühl, im Herzen ankommt, bleibt.
Die Dichterin ist in der Nazi-Zeit in die USA emigriert. Es geht auch um Exil, Verlust, Entwurzelung. Wie nähern Sie sich diesen Themen?
Ich habe da keine Mühe, mich mit meinem Mitgefühl hineinzubegeben. Das ist eigentlich, was meine Arbeit ausmacht. Die Aufgabe eines Schauspielers ist ja, wenn man dann so alt ist wie ich, einfach ein guter Mensch zu werden, dass man das Leben versteht. Das geht über Texte von Mascha Kaléko und andere Schriftsteller und Autoren, eben auch Theaterautoren, wenn man es so ernst nimmt wie ich.
Die Aufgabe eines Schauspielers ist ja, wenn man dann so alt ist wie ich, einfach ein guter Mensch zu werden.
Sie haben im Kino auch Magda Goebbels verkörpert, die ihre Kinder vergiftet hat („Der Untergang“, 2004). Wie findet man aus so einer schwierigen Rolle nach dem Drehen wieder heraus?
Dieser Mythos, man käme aus einer Rolle nicht mehr heraus, ist seltsam. Ich glaube, der wurde erfunden, um unseren Beruf ein bisschen ernster erscheinen zu lassen (lacht). Mich interessiert immer ein bestimmter Aspekt einer Figur. Bei Magda Goebbels war es die Frage: Kann Ideologie so stark sein, dass sie selbst den scheinbar sicheren Instinkt, dass eine Mutter ihre Kinder schützt, außer Kraft setzt? Das wollte ich verstehen lernen. Und ja, es gibt schon in jeder Rolle auch die Frage, ob das unter Umständen etwas mit einem selbst zu tun hat. Gibt es eine Gefahr, etwas, wovor ich Angst habe?
Wie war das bei der Mutterrolle im Film „Sterben“ (2024), wo Sie gemeinsam mit Lars Eidinger zu sehen sind?
Die beiden Frauen sind jedenfalls überhaupt nicht miteinander vergleichbar. Dass sie oft als „kalt“ gesehen wurde, fand ich traurig. Sie ist todkrank zum Zeitpunkt, als ihre Geschichte erzählt wird. Und sie ist als Mensch am Ende ihrer Kraft. Ihre große Szene, dieses Geständnis an ihren Sohn, dass sie sich nie getraut hat, ihn zu lieben, ist eine enorme Offenlegung. Man darf Figuren und Menschen nicht vorschnell aburteilen. Ihre Motivationen sind völlig unterschiedlich. Das zu verstehen, darum geht es.
Dass da in meiner Ausstrahlung so etwas Kühles stecken soll, das habe ich überhaupt nicht gesehen.
Sie haben selbst immer wieder die Zuschreibung bekommen, kühl oder „cool“ zu sein, im positiven Sinn. Können Sie damit etwas anfangen?
(lacht) Dass ich angeblich „cool“ bin, habe ich selbst lange gar nicht gewusst. Dass da in meiner Ausstrahlung so etwas Kühles stecken soll, das habe ich überhaupt nicht gesehen. Und vielleicht ist es auch ganz gut, dass ich das nicht wusste. Man kann ja nichts dafür, wie man wirkt. Und gegen so ein Bild kämpft man dann manchmal auch an. Nicht, weil man es ablehnt, sondern weil man denkt: So bin ich doch gar nicht. Oder jedenfalls nicht nur. Es entsteht ein Missverständnis zwischen dem, was andere sehen, und dem, was man selbst empfindet oder beabsichtigt zu spielen. Und irgendwann muss man lernen, damit zu leben. Vielleicht ist es auch ein Geschenk. Ich weiß es nicht. Aber es bleibt etwas, womit ich immer wieder mal ringe.
Viele Themen, die in Städten hitzig diskutiert werden, haben die in meinem Dorf in Brandenburg noch nie gehört.
Sie haben gemeinsam mit Ihrem Mann ein kleines Theater in einem ehemaligen Dorfgasthaus in Brandenburg gegründet. Warum?
Wir wollten einen eigenen Raum schaffen. Einen Ort, an dem Menschen für einen Moment die Utopie erleben können, dass es miteinander geht. Dieses Projekt verbindet uns stark mit den Menschen vor Ort. Wir lernen von ihnen.
Was zum Beispiel?
Seit ich auf dem Land lebe, wundere ich mich oft über Großstadtdiskussionen. Viele Themen, die in Städten hitzig diskutiert werden, haben die in meinem Dorf in Brandenburg noch nie gehört. Dort gibt es ganz andere Fragen. Ich komme ja von dort. Nach den Veranstaltungen sitzen wir oft zusammen. Diese Begegnungen bedeuten mir viel. Dieser direkte Austausch fehlt mir im normalen Theater oft. Man spielt – und dann gehen alle auseinander. Ich möchte wissen, was die Menschen empfinden, wie es ihnen geht. Das interessiert mich.
Sie wirken bei unserem Telefonat, als hätten Sie keinerlei Allüren. Dabei haben Sie zahlreiche Preise gewonnen. Was bedeutet Ihnen das? Und wie finden Sie es, wenn man sagt: Corinna Harfouch? Die ist toll!
Ach, anstrengend. Aber ja. Es bedeutet mir viel, weiterarbeiten zu können. Es gibt mir Freiheit, und ich bin dankbar, diesen Beruf ausüben zu dürfen.
Mich interessiert viel mehr: Warum trägt der Junge aus dem Nachbardorf plötzlich ein Nazi-T-Shirt?
Wie wichtig ist es Ihnen, eine Haltung nach außen zu vertreten, sich mit einer Meinung zu äußern?
Es gibt ja den Ausdruck „meinungsstark“ zu sein. Das irritiert mich. Es klingt, als würde man aus einer Richtung heraus festlegen, wie die Welt ist. Mich interessiert viel mehr: Warum trägt der Junge aus dem Nachbardorf plötzlich ein Nazi-T-Shirt? Was bewegt ihn? Wenn man das eine „Haltung“ nennt – dann vielleicht diese: sich nicht vorschnell festzulegen. Sich die Möglichkeit offen zu halten, Dinge auch aus einer anderen Richtung zu betrachten, zuzuhören.
Noch einmal zurück zu Ihrer Lesung. Was bedeutet Ihnen Poesie?
Sie ist mir wichtig. Sprache ist das, womit wir unser Innerstes offenbaren, sie macht uns zu Menschen. Wenn Sprache verhärtet, dann wird es gefährlich. Wenn ich eine Aufgabe sehe, dann die, Sprache so zu benutzen, dass sie etwas öffnet. Dass junge Menschen Freude daran haben, sich auszudrücken. Dass sie merken, was es bedeutet, das eigene Innere, diese ganze Komplexität, dieses Chaos, in Worte zu fassen.
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