freizeit
12.08.2018

"Sissy", "Conny" & "Stanglpuch": Der Moped-Report

Von der "Conny" zur "Schlurfrakete": Die FREIZEIT besuchte Hüter und Sammler legendärer heimischer Mopeds

Vespa fahren kann schließlich jeder“, erklärt die blonde Anna freimütig. „Aber eine HMW ist schon etwas Besonderes.“

Stimmt.

Erstens sieht man so ein zweifärbiges, perfekt restauriertes  Prachtstück aus den 1950er-Jahren nicht alle Tage. Und zweitens handelt es sich bei den Mopeds und Motorrollern der Halleiner Motorenwerke  um   echte Highlights heimischer  Technikgeschichte. Gut eine Million Motoren und immerhin 127.000 Fahrzeuge wurden zwischen 1948 und  1962 in Hallein in Salzburg  und im niederösterreichischen Kottingbrunn erzeugt. Lange her, gilt aber nach wie vor als „voll cool“, selbst bei der Roller-begeisterten Enkelgeneration, zu der neben Anna auch Lisa gehört. Sie ist 25 und kurvt seit einem Jahr mit ihrer HMW „Conny“ durch  Korneuburg.  Nur zwei Fans von vielen – und es werden stetig mehr.

Höhere Weihen erhält die fast vergessene Marke HMW auch von  „Zweirad-Papst“ Friedrich Ehn.  Für ihn waren die HMW-Werke  die „erste, größte und einstmals modernste Mopedfabrik Österreichs“. Vor  zwei Jahren widmete er „der Weltmarke aus Österreich“ einen voluminösen Bildband.  Noch schöner aber ist es, die HMW-Modelle „Conny“ und „Supersport“ live zu sehen.

Natürlich nicht allerorten. Man muss sich dazu schon bis in die G’stetten bei Stetten in Niederösterreich vortasten. Auftritt Gregor Rehrl und  Walter Langenhagen. Die zwei Maschinenbauer und  Mopedenthusiasten wollen die einst große Marke wieder nachhaltig in Erinnerung rufen. Natürlich mit den Aushängeschildern  „Conny“ und „Supersport“, aber auch mit dem Verweis auf Dutzende originale Motoren und andere Teile, die sie auf Wunsch und Bestellung  in fahrbereite Geräte verwandeln können.


Gregor Rehrl („Ich bin der Testfahrer“) ist mit seinen 56 Jahren zu jung, um den Niedergang und Ausverkauf des heimischen Mopedpioniers miterlebt zu haben. Als er geboren wurde, war das Schicksal der einst florierenden Marke bereits besiegelt. Als gebürtiger Salzburger empfindet  es Rehrl aber als Ehrensache, dem früheren Stolz seines Landes zu einem zweiten Frühling zu verhelfen. „Wir sind keine Sammler“, spricht er für sich und Kompagnon Walter Langenhagen.

„Unser Ziel ist, dass wir die Relikte dieser formschönen Gefährte wiederaufbauen und ihnen neues Leben einhauchen. Wir sehen uns auch eher als Künstler denn als Oldtimersammler.“ Dabei war nicht einmal ein Moped aus Hallein Auslöser seiner Zweirad-Faszination. „Die rührt vom blauweißen   DS 50 meines Opas her.“
Stichwort Puch.  Wie die „Eisen“ aus Hallein halfen einst auch Mopeds und Motorräder aus Graz  kräftig mit, Österreich zu motorisieren. Markus Niederreiter etwa weiß aus den Erzählungen seiner Eltern, dass früher „in jedem  Haushalt eine Puch war“. Mitte der 1960er-Jahre war das und lange bevor die Dorfjugend mit GTI und GSI zum Feuerwehrfest fuhr.

Warum wegwerfen, wenn sie immer noch zu einer Ausfahrt taugen, dachte sich der Techniker aus Hausleiten bei Korneuburg schon vor 25 Jahren. „Ein ,Stanglpuch’ war die Einstiegsdroge“, sagt er, „dann kaufst vielleicht noch ein Motorrad, dann kriegst du  eines geschenkt, das du herrichten kannst, und so weiter.“

Wie viele  er genau hat? Markus denkt kurz nach. Fünfzehn? Nein, sechzehn sind es. Derzeit. Sechzehn Exemplare,  die in jedem einschlägigen Museum gute Figur machen würden: ein Puch VS 50, ein DS 50, ein MS 50, das sogenannte Stanglpuch.


Stanglpuch? Ja, wegen des Mittelrohrs am Rahmen. Der Puch-Bestseller bekam aber auch noch andere Spitznamen verpasst, weiß Markus. „Maurerbock“ zum Beispiel oder „Postlermoped“, weil die Österreichische Post damit ihre Briefträger ausgestattet hat.  Zweirad-Papst Fritz Ehn kennt sogar noch mehr Kosenamen: „Schichtler-Moped“ etwa, oder  „Schwarze Sau“.
Aber zurück zu Markus und seinen Freunden. Als „Puchfreunde Hausleiten“ sind sie in der ganzen Gegend bekannt.  „Ob  Jung oder Alt, ob Lehrling oder Pfarrer, wir sind jetzt schon über siebzig Mopedenthusiasten, die sich immer wieder treffen oder eine gemeinsame Ausfahrt machen.“ Die nächste findet genau an diesem Wochenende statt: die  308 Kilometer lange „Wackelsteintour 2018“ führt von Hausleiten über Krems und Ybbs wieder zurück.    

Warum diese Puch-Faszination gerade so fern von Graz grassiert, kann Markus Niederreiter auch nicht genau erklären. Nur so viel: Die alte Technik wieder zum Laufen zu bringen, macht einfach Spaß und das steckt offenbar auch andere an, denn: „Zwei Puchs hat bei uns eigentlich ein jeder.“


Auf der Suche nach alten  Schätzen werden   Markus und seine Freunde  vorwiegend in Scheunen und Hinterhöfen aktiv. Andere sind es bei Auktionen. Und gerade hier merkt man nachhaltig, dass der Oldtimer-Boom auch vor Zweirädern nicht Halt gemacht hat.  Bei einer „Scootermania“-Versteigerung  des Wiener Dorotheum vergangenen April wechselte  etwa eine über 50 Jahre alte DS 50 um immerhin 1.610 Euro den Besitzer. Und das bei einem Ausrufpreis von einem Hunderter.

Ein Puch-50-Kubikmotörchen, das für läppische zehn Euro auf den Markt geworfen wurde, erzielte immerhin 88 Euro.


 Dass die Preise in letzter Zeit anziehen, ist auch an Christian und Peter Krämer nicht spurlos vorübergegangen. Das Vater-Sohn-Gespann aus Wien  kennt die Szene. Und beide wissen um den Glanz der alten Marken. Peter Krämer: „Wir nehmen uns ja nur um Fahrzeuge an, die wenig kosten oder die wir einfach bekommen.“
Und bei denen gewisse Erinnerungen mitschwingen. Ob das erste Moped, die erste Mopedausfahrt mit der Freundin am Sozius, das erste Motorrad oder  ein damals begehrtes, aber unbezahlbares Modell: So betrachtet haben all diese Fahrzeuge  ein besonderes Extra eingebaut – einen Jungbrunnen.


Sicher, man kann hinter einem  Stück Zeit- und Technikgeschichte auch ohne sentimentale oder nostalgische Gefühle hersein. Peter Krämer: „Ich habe schon von einem Amerikaner gehört, der sich seinen Oldtimer, ein Steyr-Baby, um 100.000 US-Dollar restaurieren ließ.“ Für die Krämers aus Wien-Liesing käme so etwas nie in Frage. Ihr Motto ist: Entweder man hat das Geld. Oder eben genügend  Zeit und reichlich   Freude am Restaurieren. Christian und Peter Krämer sieht man die Freude an, die sie mit ihren Fahrzeugen haben

 

 

 
Falls jetzt aber jemand auf Kauf-Gedanken kommt, wehrt Christian Krämer sofort ab: „Wir hatten  schon mehrere Anfragen, ob wir nicht originalgetreue Oldtimer-Restaurierungen für andere durchführen wollen. Aber wir machen das nur für uns.“ Und das gar nicht so schlecht. Sogar mit Spielzeugen auf vier Rädern. Wer etwa kommendes Wochenende bei den Vienna
Classic Days einen gut erhaltenen Herrn in einem ebenfalls gut erhaltenen roten Jaguar E-Type wiedererkennt, hat den Motorenthusiasten schon auf diesen Seiten  gesehen. Sohn Peter nimmt auch teil. Mit einem Steyr-Baby.

Ganz anders gelagert ist die Motivation des Duos Rehrl und Langenhagen: „Wir sind Professionisten, die Menschen, die das Außergewöhnliche suchen, helfen, ihren Traum zu erfüllen“, sagt Gregor Rehrl. Dazu passt eine von  Zweirad-Papst Friedrich Ehn beigesteuerte Pointe: Stand das Kürzel HMW in früheren Jahrzehnten gelegentlich auch für  Hau’n ma weg, so heißt es heute:
 Hat man wieder!