freizeit
04/28/2014

Verkehrter Verkehr

Staubläuse treiben's anders: Da sind es die Weibchen, die sich mit einer Art „Penis“ über die Männchen hermachen. Auch nicht ohne: Die Dauer des Akts. Mit 70 Stunden ganz schön rekordverdächtig.

von Gabriele Kuhn

Da dachten die Menschen, alles sei bereits erforscht, dann das: Höhleninsekten! Nicht irgendwelche, sondern sexuell hochinteressante Höhleninsekten. Konkret: Staubläuse aus Südamerika. Aber vielleicht der Reihe nach: Neotrogla curvata heißt eine bisher unentdeckte Art, die vor allem deshalb erstaunt: Ihre Weibchen haben einen „Penis“, die Männchen eine „Vagina“. Das scheint anatomisch einzigartig, wenngleich es sich – exakt – um gar keinen echten Penis mit allem Drum und Dran handelt. Sondern um ein Ding, das von Forschern „Gynosom“ genannt wird. Ganz sicher einzigartig ist aber die Begattungsdauer dieser Spezies: Ganze 70 Stunden braucht es, bis die Viecherln mit der Kopulation fertig sind. Die geht so: Frau Neotrogla sitzt auf Herrn Neotrogla und führt ihren „Penis“ in seine Vagina-artige Körperöffnung ein. Erst wenn sie drin ist, schwillt das weibliche Wunderorgan an und macht den Herrn mit speziellen „Verhakungen“ quasi dingfest. Eine raffinierte Art der Dame, sich eine stabile Beziehung zu sichern. Pikant: Als Forscher versuchten, die Insekten zu trennen, riss eher der Unterleib des Herrn ab, als dass Madames Ding aus der Verankerung rutschte. Das klingt so unheimlich wie interessant und schafft Raum für allerlei Fantasien. Ganz still poppt eine Frage auf – wie es sein könnte, hätte man auch einen, tja, „Penis“. Ich bin mir sicher, dass viele Frauen darüber schon einmal nachgedacht haben. Wie sich’s als Penisbesitzer liebt und lebt, wie sich’s anfühlt, etwas in einen anderen Menschen zu stecken. Wer weiß, vielleicht war das der Anstoß für die Erfindung des Umschnalldildos? Der Unterschied ist, da brauche ich nicht viel dazu zu sagen, enorm: Hineinstecken – das ist Aktion und Akt, da kann ich mich entscheiden, da brauche ich Drive und Wollen. Um sich dann umhüllt zu fühlen, statt erfüllt. Das ist der Punkt, der zumindest mich am meisten interessiert: Dieses Gefühl, in etwas zu gleiten, das warm und feucht ist und mich umschlingend empfängt. Wer weiß – vielleicht ist die Entdeckung des Neotrogla’schen Kopulationsverfahrens ein Wink der Natur zum richtigen Zeitpunkt? Um festzustellen, dass punkto Geschlechterrollen nichts mehr in Stein gemeißelt ist. Emanzipation auf allen Längen – 70 Stunden lang. Wobei im Fall dieser Insekten noch etwas Kurioses im Sinne des Umkehrprinzips passiert: Er hat zwar keinen Penis, aber gibt Spermien ab. Und zwar aus der „Vagina“ – in ihr „bestes Stück“. Charmant, zumal so klar wird, dass der Mensch etwas sicher nicht ist: die viel gepriesene Krönung der Evolution. Zumindest was den Sex angeht, haben viele Tiere spannendere Varianten als das ewige Rein-Raus von Homo sapiens. Nur zwei Beispiele dazu: Wasserwanzen können mit ihrem Geschlechtsteil Lärm erzeugen – bis zu 99,2 Dezibel. Australische Meeresschnecken wiederum besitzen einen zweigeteilten Penis. Das klingt auf den ersten Blick nicht übel, macht auf den zweiten Blick aber auch ein bissl nachdenklich: Denn Teil 2 des Lustspenders bohrt sich in den Kopf des Partners, um dort ebenfalls Körperflüssigkeiten zu platzieren. Aber genau betrachtet passiert – metaphorisch – bei Frau und Mann auch nix anderes.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.