freizeit
09/29/2014

Streicheln, bis die Sonne aufgeht

Die Smartphone-App „Cuddlr“ soll Menschen mit Hunger nach Streicheleinheiten helfen, „Kuschelkontakte“ in der nahen Umgebung zu finden. Harmlos, unverbindlich – und doch nah. Wohin so ein Kuschelkontakt führt – wer weiß? Denn natürlich ist Berührung immer auch ein Rendezvous mit der Intimsphäre eines anderen Menschen.

von Gabriele Kuhn

Aha, interessant: „Kuschelkontakte“ heißt das jetzt, wenn zwei Menschen nicht schnackselnd übereinander herfallen, sondern einander einfach nur umarmen, streicheln, berühren. Soziale Nähe dieser Art will nun eine neue Smartphone App vermitteln: „Cuddlr“ ermöglicht als sexfreie Alternative zu Social-Meeting Apps wie „Tinder“ spontanes Kuscheln und harmlosen Körperkontakt. Nach einer Suchanfrage werden Kuschelwillige im nahen Umkreis angezeigt. Zuvor müssen die User angeben, welche „Kuschelart“ sie bevorzugen. Es geht um sogenannte „unkomplizierte menschliche Nähe“. Schön. Wobei ich mich frage: Wie viele Arten zu kuscheln gibt es wohl? Kampfkuscheln? Kuschelkuscheln? Umarmungskuscheln? Rückenanrückenkuscheln? Und glaubt wirklich jemand da draußen, dass so etwas wie „unkomplizierte Nähe“ anhaltend möglich ist? Dazu gibt es allerlei zu sagen. Erstens finde ich den Begriff „Kuscheln“ nicht so passend, wenn zwei Erwachsene einander berühren. Kuscheln tut man mit Plüschbären, kleinen Kindern, Katzen, Hunden und weichen Decken. Vielleicht auch noch mit einem „Kuscheltuch“, das man sich trotz fortgeschrittenen Alters still und heimlich bewahrt hat, und das immer dann zum Einsatz kommt, wenn die Welt rundherum in Stücke zerbricht. Weil: So ein Kuscheltuch gibt Halt in Zeiten der Not. Und es riecht so gut nach schönen Erinnerungen. Wenn Mann und Frau einander „kuschelnd“ berühren dann ist das – ganz einfach – Berührung. Und jede Berührung ist ein Rendezvous mit der Intimsphäre des Gegenübers. Das kann gut sein, das kann aber auch mittelmäßig bis schlecht sein. „Berührungserinnerungen“ gibt es ja zahlreiche – beginnend beim ersten Tanzschulpartner, dessen nassen Griff man an seinen Armen zittern spürte. Bis zu diesem Typen, der das Gedränge in der Bim dazu nutzte, um Hand anzulegen. Dazwischen, Gott sei Dank, die Mehrheit: Streicheln, bis die Sonne aufgeht. Wange an Wange stehen, den anderen atmen und spüren. Ein bissl kratzen, ein bissl kraulen, ein bissl in den Haaren wühlen. Zart sein, kitzeln. Oder die heißen Hände einer Urlaubsbekanntschaft fühlen, wie sie – wurscht was, Hauptsache was – einmassieren. So gut, dass man wünschte, es solle nie mehr wieder aufhören. Nie. Woraus sich folgern lässt, dass wir die Macht der Berührung keinesfalls unterschätzen dürfen. Sie ist die wichtigste Zutat im Pas de deux von Liebe und Sexualität. Und das speziell, wenn ein Paar schon viele Jahre zusammen ist. Berührungsarmut schleicht sich ein, wenn es nur mehr darum geht, wer das Leergut entsorgt und die Kinder zum Tennis schippert. Der Raum, den Hauthunger zu stillen, wird kleiner und kleiner – bis er gänzlich verschwindet. Stattdessen wird verpflichtend penetriert, dem Leistungsziel „Orgasmus“ nachgejagt. Schade, denn gerade die Zwischentöne zählen zum Feinsten, was man auf dem Sektor haben kann. Leise Reize, empathisch dosiert – als Appetizer für mehr oder eben weniger (nicht qualitativ). Das ist Erotik statt Sex, drückt Begehren aus – und Leidenschaft. Dazu braucht’s Bereitschaft und Mut zur Nähe. Und die Lust, mit Berührung zu spielen – dann kommt auch die Sexualität wieder.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.