freizeit
04/22/2014

Seltsame Begegnung

Exhibitionisten sind – so scheint es – rar geworden. Wohl auch, weil der Anblick eines nackten und womöglich erregten Geschlechtsorgans heute weniger Aufsehen erzeugt als noch vor einigen Jahren. Denn was es an heftigen und schockierenden Bildern gibt, kommt uns längst per Internet ins Leben spaziert.

von Gabriele Kuhn

Wenn sich ein paar Frauen zwischen 35 und 53 über sexuell konnotierte Lebensereignisse unterhalten, ist das oft lustig. Zuletzt aber hatte die Runde wirklich großen Spaß: G, die Älteste des Abends, schilderte die Begegnung mit einem zeigefreudigen Herrn – auch Exhibitionist genannt. G fuhr gegen 21 Uhr durch eine wenig frequentierte Straße, als sie sich einem Zebrastreifen näherte. Wo ein Mann stand, der wirkte, als würde er die Straße überqueren wollen. G bremste sanft, blieb stehen und ermunterte den jungen Mann mit einer freundlichen Handbewegung zum Queren. Der rührte sich nicht vom Fleck. Stattdessen erwiderte er – ebenfalls mit einer Handbewegung. Deren zerfahrenes Hin- und Her von Frau G sofort richtig eingeordnet wurde: Nämlich als Gestik eines Mannes, der am Straßenrand verzweifelt mit seinem Zumpferl spielte, in der Hoffnung sich und andere zu erregen. Doch was tat G? Sie lachte und fuhr ungerührt weiter.

In der Damenrunde kam es daraufhin sofort zu einer regen Diskussion – die eine sagte: armer Mensch. Die andere meinte: Sautrottel. Eine dritte warf G vor: Warum hast ihn nicht fotografiert und gleich angezeigt? Und man wunderte sich, dass die Spezies des "gemeinen Exhibitionisten" in Zeiten des Internets nicht schon längst ausgestorben sei. Aber – wie es scheint – sind sie nach wie vor unter uns: jene Menschen, mit Hang zum "genitalen Präsentieren mit Endzweck" (so die Fachdiktion). Das sind vor allem Männer, nur äußerst selten kommt es zu exhibitionierendem Verhalten von Frauen. Und wenn, dann sorgt das für große (auch mediale) Aufmerksamkeit. Etwa im Fall der 29-jährigen Kerstin im Jahr 2011, die sich im Abteil eines Regionalzugs mit einem Vibrator befriedigte. Dem Magazin "Spiegel" war das sogar eine kleine Geschichte wert, wo zu lesen stand: "Den Vibrator trug sie immer bei sich, in einer grünen Douglas-Tüte. Kerstin sah die junge Frau im Zug nach Würzburg auffordernd an, öffnete zuerst die Tüte, dann die Jeans. Der Vibrator war schwarz, aus Gummi, er hatte zwei Stufen, eine schnelle, eine langsame."

Aber, wie gesagt: Vor allem Männer verspüren den Drang, ihr Ding öffentlich auszupacken – mit unterschiedlicher Intention. Manche begnügen sich damit, ein bissl herumzuspielen. Andere reißen ihren Mantel auf, um sich nackt samt Gemächt herzuzeigen. Nur darum geht’s, nicht um direkten sexuellen Kontakt. Erhofftes Ziel ist das Erschrecken oder Erstaunen der "Opfer". Das wird vom Täter erhofft – und als Anerkennung interpretiert.

Das Problem dabei: Wen schockt heutzutage noch der Anblick eines nackten Spatzis? Ganz sicher hat das Internet auch die Spielwiese des Exhibitionisten verdorben. So schlimm und traurig das klingen mag, aber: Junge wie ältere Zielpersonen – also Frauen – sind durch das Surfen im Internet längst daran gewöhnt, heftigere Bilder gelangweilt oder fluchend wegzuklicken. Längst ist man an Schlimmeres gewöhnt – abgebrüht, überladen mit Bildern, die man eigentlich nie sehen wollte. So betrachtet, wirkt der "gemeine Exhibitionist", der bei weit geöffnetem Mantel mit seinem Ständer herumwackelt, wie eine traurige Figur aus einer längst vergangenen Zeit.

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