freizeit
09/01/2014

Oversexed

Pornostreams hier, Nackt-TV dort – und dazu eine Bilderflut, die Sex als Leistungsschau der Extreme transportiert. Dass Sexualtherapeuten vor allem bei jungen Menschen eine neue Lustlosigkeit bemerken, wundert da eigentlich wenig. Umso wichtiger wird es, für sich herauszufinden, was gut tut. Und was nicht.

von Gabriele Kuhn

Eigenartig, irgendwie. Einerseits gilt: Alles geht. Wo jeder von jedem Smartphone aus in eine bizarre Welt aus Brüsten, Penissen, und Blowjobs abdriften kann. Wir können chatten, Parkplatz-Sexdates arrangieren und im Fernsehen zusehen, wie zwei Nackte einander näherkommen. Oder aber wie Menschen erst vögeln, um danach darüber zu plauschen – wie in der britischen TV-Show „Sexbox“. Die Welt ist bis zum Tassenrand voll mit Bildern und Triggern und Reizen – wäre Sex Schokolade, dann wäre das so: Wir ertrinken gerade darin. In etwas, das – fein dosiert und entsprechend zelebriert – ziemlich gut schmecken würde.


Denn andererseits berichten Sexualtherapeuten von der „neuen Lustlosigkeit“. Von jungen Menschen, die mit Sexualität und Körpergenuss nicht viel anzufangen wissen. Sich von Bedürfnissen und Gefühlen abgetrennt, sich in und mit sich fremd fühlen, mit ihrem Körper und ihrer Libido nicht zurecht kommen. Folglich auch keine Ahnung haben, was für sie sexuell passt. Und da sind wir wieder, mittendrin im Schokobad, das uns des Genusses überdrüssig werden lässt. Denn längst ist die Realität mit „So hat Sex zu sein“-Idealen überfrachtet. Auf Gratis-Pornochannels im Netz sind Frauen, die sich bei Heftig-Blowjobs filmen lassen genauso Mainstream wie Gang-Bangs oder Analverkehr. Problematisch ist, dass das oft neue „Vorbilder“ mit wenig Spielraum für Eigenes schafft. Das Bild von Sexualität hat sich ins Extreme hochgeschraubt und belastet so das Wollen und das Sehnen in deren ureigensten Formen. Erobernd, hinspürend, versuchend, experimentierend oder eben auf eigene Art wild. Stattdessen: Hauptsache, arg. Dass da manche Menschen die Orientierung und Lust verlieren – kein Wunder. Denn was fehlt, sind Fragen (und die Antworten darauf): Was brauche ich, um Lust zu empfinden? Was ist für mich richtig? Was bin ich bereit, zu tun, wo liegt meine Grenze? Wie schaffe ich es, sexuell „bei mir“ zu bleiben – abseits der Bilderwucht, die junge Menschen bereits ab dem Teenager-Alter begleitet.

Vor zwei Wochen schrieb ich an dieser Stelle etwas zum Thema „erotische Heftigkeit“. Von einer Frau, die für sich entschieden hatte, Sex in seiner ureigensten Form zu erleben, spontan und direkt, – stattdessen aber Zögern erfuhr. Und eine Art „Verkopftheit“, die sie als Abtörner empfand. Mein (durchaus auch persönlich gefärbtes) Plädoyer für erotisches „Liebe & Lebe jetzt“ ohne – in dem Fall halt – viel Diskurs verstanden viele richtig. Eine Leserin hielt mir jedoch vor, ich hätte Gewaltfantasien befeuert. Nun, das Einzige, was ich befeuere ist sexuelles Befreit-sein: Indem ich weiß, meine eigenen Grenzen zu setzen, meine Spielregeln definiere und jenen Sexpartner finde, der mit mir auf diese Weise spielen mag. So wird alles möglich – vorausgesetzt es harmoniert mit dem, wonach ich mich sehne und nicht mit dem, was mir an „Must-do“ aufoktroyiert wurde. Sexuelle Authentizität nenne ich das – und ja, diese zu erreichen, ist derzeit sicher nicht einfach. Die Basis für dieses „gesunde“ Eigenempfinden wird bereits in sehr jungen Jahren gelegt – indem Heranwachsenden beigebracht wird, ihren Gefühlen und ihrer inneren Stimme zu lauschen – und all dem auch zu vertrauen.

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