freizeit
12/03/2013

Mythen und Legenden

Im Film erwachen die Frauen meist so, als kämen sie frisch aus dem Frisör- oder Kosmetiksalon. Im Film wird in der Früh geküsst, als gäbe es das Morgengrauen eines ungeputzten Mundes nicht. Und auch sonst wirkt im Film so manches anders, als im wirklichen Leben: Sex im Stehen ist nur ein Beispiel von vielen.

von Gabriele Kuhn

Wenn ich im Kino oder im Fernsehen Sex-Szenen ansehe, schaue ich weniger den Protagonisten beim Turnen zu, sondern auf deren Körper. Ich achte auf etwaige Röllchen, mögliche Zellulitisspuren, Schwangerschaftsstreifen, Hängebrüste oder Bierbauch. Aber sowas gibt’s in Hollywood selten oder gar nicht. In Hollywood liegen die Menschen morgens selbst nach durchweinten, durchvögelten, durchzechten oder durchstrittenen Nächten so im Bett, als wären sie bereit für die nächste Matinee. Die Frisur sitzt, die Brust auch.

Aber das ist noch nicht alles aus der Rubrik „Märchen, Mythen, Legenden“. Vieles, was an Erotischem im Film passiert, mag aufregend aussehen, ist aber praktisch total deppert. Etwa die beliebte Steh-Nummer: Sie lehnt mit dem Rücken an der Wand, er zurrt an seinem Hosentürl, und schon ist er drin bei Madame. Das geht in fünf Filmsekunden, ruckzuck. Mag sein, dass junge und biegsame Menschen das hinkriegen. Aber meist geht sich das wegen des Größenunterschieds nicht aus. Naturgemäß überragt der Mann die Frau, was bedeutet, dass er sich von vorne-unten schräg nach oben bohren muss, um in der Wunschdestination zu landen. Er muss dann, um ein Rein-Raus hinzukriegen, Kniebeugen machen – resolut und nicht wenig an der Zahl. Ich kenne Herren, die bekommen alleine beim Gedanken daran erst eine Erektion, dann einen Oberschenkelkrampf.

Unrealistisch wird’s, wenn sich Menschen im Film der Kleider entledigen, um Sex zu haben. Als gäbe es weder Knöpfe noch Reißverschlüsse, die klemmen! Die Damen und Herren im Film gleiten stets aus Hose und Rock. Aus Erfahrung wissen wir jedoch alle: Irgendwas klemmt immer. Und wenn nix klemmt, dann bleibt man irgendwo hängen. Im Slip etwa, weil es wirklich schon ganz schnell gehen muss. Oder man schafft’s nicht, den Pulli über den Kopf zu kriegen – also vögelt man mit Halskrause. Alles schon passiert.

Was ich auch immer wieder spannend finde: die Sache mit dem Gummi. Ich kann mich an keine Filmszene erinnern, in der mit einer Kondompackung herumgenestelt wird. Aus der geliebten Praxis ist jedoch bekannt, dass der Gummi-Moment ein äußerst heikler ist, es fehlt ihm an Anmut und Laisser-faire. Daher hat er oft das Zeug zum Lust-Killer, weil eben nicht alle die hohe Kunst des Überziehens beherrschen. Meist wird hektisch und aufgeregt herumgenestelt – man sieht sich an: magst du, soll ich? Nur die wenigsten sind Kondom-Kings und haben den Gummi so im Griff, wie die Frau unter sich. Und Damen, die gelernt haben, das Accessoire mit den Zähnen überzustreifen sind gut – aber meist aus.

Abschließend würde ich auch noch gerne das Thema „Geräusche“ ansprechen. Im Film äußern sich die Protagonisten oft mit einem subkutan hingeraunzten: Moah, woah, wuh, uh, ah oder oh. Allenfalls schwingt ein Jaha mit und wenn’s kitschig hergeht, ein Ich liebe dich. Im echten Sexleben wird – ja, klar – gestöhnt und gejaht, das aber oft viel derber und lauter. Abgesehen davon, ist der Verkehrslärm auch noch von vielerlei anderen Tonarten geprägt. Das Quietschen eines Bettes wäre da noch die harmloseste.

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