freizeit
02/07/2014

Holt mich hier raus!

Multitasking ist überall: Gleichzeitig essen und fernschauen. In einem Atemzug telefonieren und im Internet surfen. Jetzt soll man sich während des Geschlechtsverkehrs auch noch selbst beim Geilsein zuschauen – mit Hilfe einer neuen App für die Datenbrille „Google Glass“. Ob das wirklich zielführend ist?

von Gabriele Kuhn

Ablenkung beim Sex ist mühsam. Etwa, wenn das Handy läutet, während man gerade aufgehört hat, den Bauch einzuziehen und sich gehen lässt. Man wäre also endlich in der „Eh-wurscht“-Phase – hingegossen, bereit. Doch der Klingelton (Thema aus „The Good, the Bad and the Ugly“) signalisiert: Mutti ist’s! Weil sie hier und jetzt wissen möchte, ob das Schnitzerl am Sonntag mit oder ohne Erdäpfel-Gurkensalat serviert werden soll. Klar hätte man die Wahl: Weitermachen, klingeln lassen. Wenn es nicht eine Garantie dafür gäbe, dass sich die Szene dann alle fünf Minuten wiederholt. Das macht allerlei, aber nicht geil.

Grauenhaft auch die Sache mit dem Schlurfen. Da vögelt es, das Ehepaar – Mutti oben, Papa unten – aber da: hörbares Schlurfen im Vorzimmer. Ein Schock. Weil man zwar weiß, dass die Kinder gelernt haben, das Eltern-Schlafzimmer nicht ungebeten zu betreten, aber es immer anders kommt. Meist wird gleichzeitig geschlurft, geklopft und die Türe aufgerissen: Wäh, ich habe schlecht geträumt, darf ich ins Bett?! Und passiert nicht das, stellt sich trotzdem die Frage: „Es ist Mitternacht. Wohin schlurft das Kind um diese Zeit?“ Mutti lässt sich von Papi plumpsen, beide halten den Atem an, er sagt: „Pscht, leise.“ Sie sagt: „Ja, eh. Aber ich muss mich noch anziehen.“ Er sagt: „Wurscht. Versteck dich unter der Decke.“ Sie sagt: „Dann schau doch bitte wenigstens draußen nach, was los ist.“ Er sagt: „Aber nicht mit dieser Erektion.“

Indes ist das Kind längst wieder zurückgeschlurft und schläft. Im Elternzimmer hingegen ist die Stimmung dahin und die Erektion so nachhaltig verklungen, dass man dann doch besser auf den Wecker schaut und sagt: „Spät isses, schlaf ma lieber.“ Und aus, perdu mit der Lust.

Ablenkung verspricht jetzt auch ein neues Produkt. Das heißt „Glance“ und ist eine App, die es ermöglichen soll – in Verbindung mit der Datenbrille „Glass“ von Google – sich selbst beim Sex zu beobachten. So geht das: Beide haben die Datenbrille auf, wer seiner Brille den Sprachbefehl „Ok Glass, it’s time“ gibt, der sieht nicht nur seinen Partner, sondern auch das, was sein Partner sieht. Und das ist – so es sich nicht gerade um eine Swingerparty handelt – man selbst. Die Erfinder dieses Dings meinen natürlich, das sei hocherotisch. Ich bin mir nicht so sicher, wie sehr man sich selbst aus allen Perspektiven sehen möchte. Die meisten Menschen sind ja froh, wenn sie während des Sex den Alltag vergessen und sich fallen lassen können. Ob das auch geht, wenn die Hightech-Brille hochauflösend die eigenen Genitalien daherzoomt und das mit Bildern vom Partner vermischt wird, während der sich da unten gerade ins Zeug legt: Hm, keine Ahnung. Und es ist fraglich, ob man sein Gesicht im Zustand des Verzückens sehen möchte – um ehrlich zu sein: Ich bin überzeugt, das Entzücken hat genau hier ein Ende. Weil garantiert der Gedanke aufpoppt: „So blöd schaue ich aus, wenn ich geil bin.“ Und: „Ich bin kein Star, holt mich hier raus!“ Das geht leicht: Mit dem kurzen Befehl „Ok Glass, pull out“ hat das Doppelleben ein Ende. Was ich nett finde: Mit „Glance“ lässt sich die passende Musikberieselung ordern. Und im Falle akuter Fantasielosigkeit – eine neue Stellung.

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