freizeit
08/25/2014

Erotische Heftigkeit

Höflichkeit ist etwas sehr Schönes, gutes Benehmen ebenso. Zudem ist es wunderbar, wenn Frau und Mann – konsensuell – etwas „verhandeln“ können. Doch wenn es um Sex geht, kann’s durchaus sein, dass es ein gut dosiertes Maß an Aggression, Haben-Wollen und Gier braucht – statt einer Verhandlungsmoral, die die Lust bremst.

von Gabriele Kuhn

Sie sah so aus, als hätte sie nicht nur in eine Zitrone gebissen, sondern in einen ganzen Zitronenhain. Dabei hatten die Freundinnen „es“ nur wissen wollen. „Hey, wie war’s jetzt mit deinem Typen gestern – sag an, schildere, wir wollen es wissen!“, hechelten die Damen nach aktuellen Infos zum aktuellen Beischlafmodus von G, der relativ frisch Geschiedenen. Die antwortete: „Fragt nicht! Ihr habt exakt keine Ahnung.“ Zitronenhain-Blick, die zweite. Dazu Schilderungen einer eher misslungenen Nacht: Zuerst nämlich sei sie gefragt worden, in welches Restaurant sie gerne gehen möchte. Tadellos, Haltungsnote eins. Da hat man als Frau ja noch gerne die süße Qual der Wahl. Dann wurde sie von ihm um Antwort gebeten, an welchen Ort sie danach gehen will. Auch noch recht nett. Bar oder Wohnung? Allenfalls eine hübsche, sündige Bleibe für ein, zwei Stunden? Bei dir oder bei mir? Sie entschied sich für „his place“, um zu sehen, wie er lebt, kocht, schläft, pinkelt. Man weiß ja nie. Gesagt, getan – das Paar landete in der Testosteron-Oase des Freiberuflers. Aber dann. Dann stellte der gute Mann seine allerletzte Frage – und das entzauberte den Moment auf unangenehm nachhaltige Weise. Monsieur erhob die Stimme und sagte glatt: „Und? Darf ich dich vielleicht küssen – oder so ...? Auf ihre Frage, was er mit „oder so ...“ denn konkret meine, erwiderte er: „Na ja, wäre es für dich möglicherweise okay, miteinander zu schlafen?“ Geht es nach G, geht das gar nicht. Konsensueller Sex mit Abstecken der Modalitäten mag ja für manche Frauen eine ordentliche und vor allem politisch korrekte Sache sein. Aber manchmal will man gar nicht gefragt werden, ob „Verkehr okay“ sei, dazu weder ordentlich noch korrekt sein, sondern schlicht kleiner Teil eines großes Plans namens „Geilheit“. Weil es oft einmal Spaß macht, es einfach hier und jetzt und überhaupt zu tun. Vögeln. pronto. Ohne reden. Auf dem Teppich. Oder Tisch. Ohne Abmachung, ohne Arrangement. Ohne Bli und ohne Bla. Ohne Bittedanke. Vor allem aber: ohne höfliche Gesuche nach Berührungsbefindlichkeiten. Die These: Nicht wenige Frauen haben Lust darauf, spontan genommen und dabei gut berührt zu werden und den Akt als überwältigende Verdichtung des Wollens zu erleben. Und das hat sehr viel mit Instinkt und Trieb zu tun – und recht wenig mit Höflichkeit, Kopfarbeit, Benimm-Regeln. Zumindest bei den ersten sexuellen Begegnungen dürfen Erregung, Lust und Gier alles an vorhandener Ratio übertünchen. Noch Fragen? Gerne, aber bitte nach dem Vögeln. Auch wenn wir sonst sehr zivilisiert und angemessen miteinander umgehen – mitunter braucht’s erotische Heftigkeit statt „Verhandlungsmoral“. Dazu hat der deutsche Sexualwissenschaftler Gunther Schmidt vor vielen Jahren im Rahmen eines Interviews einen sehr schönen Gedanken formuliert: „Ich kann mir intensive Sexualität wirklich nicht ohne wechselseitige Aggressivität – Hingabe, Habenwollen, Kampf, sich Wehren vorstellen. Ein sexueller Akt ist immer ein Übergriff auf den Körper des anderen, er beinhaltet das Überwinden von Intim- und Körpergrenzen, zum Beispiel das Eindringen in Körperhöhlen ...“ Im besten Fall wird daraus Liebe.

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